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Ikeawoche

Berlin war schlecht gelaunt, als meine Freundin und ich vor drei Wochen nach England verreist sind. Alice Schwarzer disste Bushido: Er solle nichts vom Ghetto erzählen, er sei kein richtiger Gangster, sondern aus Tempelhof. Fand ich natürlich auch. Ein Bushido der Gangster-Rap macht ist ja in etwa so glaubwürdig, wie wenn Alice Schwarzer eine Frauenzeitschrift machen würde. Dann war da noch diese Sache mit dem Buch von Helene Hegemann, in dem die 16-jährige über das Innenleben eines Clubs schreibt, dessen Türsteher eigentlich keine Minderjährigen hereinlässt. Es hat sich herausgestellt, dass Hegemann aus dem Buch eines zehn Jahre älteren abgeschrieben hat, was – vielleicht mit Ausnahme des Türstehers – den deutschen Kulturbetrieb in seinen Grundfesten erschüttert hat. Wo kommen eigentlich Ideen her?, fragten sich plötzlich alle. War auch James Cameron gar nicht wirklich bei IKEA? Die Namen seiner nach IKEA-Möbeln benannten Avatar-Figuren könnte er auch aus dem Katalog abgeschrieben haben. Und wo wir schon bei IKEA sind: Hat Bushido seine Jugendknastgeschichten womöglich gar nicht auf der Straße, sondern im Tempelhofer IKEA-Kinderparadies gesammelt? Aber wie kam er da als 16-Jähriger noch rein? Es ging – kurz gesagt – mal wieder um die Frage, wer in Berlin wie viel Street Cred hat, beziehungsweise ob man gleichzeitig in Tempelhof und im Ghetto wohnen kann, ob man volljährig und 16 sein kann und ob man in Berlin leben und einem diese ganzen Fragen egal sein können. Dabei waren die Einzigen, die wirklich Street Cred hatten, die Glätte-Opfer, deren Gipsbeine in der B.Z. zu einer Erzählung von der eiskalten Härte der Berliner Straßen verdichtet wurden, mit einer auf dem Bett aufgebahrten gebrochenen Frau, die aussah wie Michelangelos Pietà und die ästhetische Kraft hatte, zur Symbolfigur für alles zu werden, was die Menschen in Berlin kaputt macht. Aber dann sind wir nach drei Wochen zurückgekommen und das Eis war weg und es scheint wieder die Sonne.

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March 8, 2010. Herrfischer. No Comments.
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Gangsta‘week

Als Bushido bei der Premiere seines Films am Mittwoch sagte: «Ich war so aufgeregt, ich konnte den ganzen Tag nur ein halbes Snickers essen», dachte man eigentlich: Das wird eine friedliche Woche. Aber dann brach eine Welle der Gewalt über die Stadt herein, wobei der fiese «Mumien-Räuber» noch zu den vernünftigeren Erscheinungen im Berliner Kriminaltheater zählte. Die gesamte triebgesteuerte Militanz war in Aktion, von Rentnern mit Todes-Pfannen über Pastoren mit Onanierkerzen bis zu Linken mit Campinggas. Letztere hatten mit einer so genannten «Campinggaskartuschenbombe» – die Brandbombe des militanten Spiessers – einen Anschlag auf die Rückseite des «Hauses der Wirtschaft» verübt, worauf der CDU-Abgeordnete Robin Juhnke sagte, dass die Anschläge der linken Szene ganz «neue Dimensionen» hätten. Aber es gab auch Erfolge in der Kriminalitätsbekämpfung diese Woche. Ein 21-jähriger Waffenhändler wurde gefasst, bei dem neben 43 Kurzwaffen und 18 Langwaffen auch ein «verbotenes Laser-Modul» entdeckt worden war. Wurde neben diesem «Laser-Modul» vielleicht auch noch ein übergrosser schwarzer Stahlhelm gefunden? Sowie ein Star-Wars-Poster von Darth Vader? Und natürlich hat auch Berlin der Kauf der CD mit den Schweizer Bankdaten bewegt. «Jeder, der ein schlechtes Gewissen hat, sollte es jetzt sehr, sehr schnell erleichtern», sagte Finanzsenator Ulrich Nußbaum der B.Z.. Vier Berliner haben sich in der Zwischenzeit selbst angezeigt, worauf man sich natürlich fragt: 4?! Wow. Die Berliner scheinen weniger Angst zu haben auf dieser Daten-CD zu erscheinen als Tocotronic auf der BRAVO-Hits. Aber apropos BRAVO-Hits: Wo ist eigentlich die zweite Hälfte deines Snickers hin, Bushido? Als ich noch ein harter Junge war, hatte ich auch «eh grad keinen Hunger mehr», als man mir mein Pausenbrot klaute. Hoffen wir, dass die nächste Woche friedlicher wird.

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February 7, 2010. Berlin, Herrfischer. No Comments.
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Freakshow

Nach der Modeschau von Patrick Mohr (schickte solariumgebräunte Bodybuilder mit Hasenzähnen auf den Laufsteg, die man in freier Wildbahn sonst nur im Wedding sieht) dachte man eigentlich: Jetzt hat die Freakshow ihren Höhepunkt erreicht. Aber dann wird es Montag, Heidi Klum kommt nach Berlin und du merkst: Oh nein, jetzt geht‘s erst richtig los. «Ich bin superzufrieden mit der Figur, sie ist toll getroffen», sagte Heidi Klum, als ihre eigene Wachspuppe bei Madame Tussauds enthüllt wurde. «Toll getroffen?» denkt man sich. «Kann man bei Madam Tussauds auch nicht toll getroffen werden?» Wir reden hier nicht von einer alternativen Mitte-Galerie, die sich die Freiheit nimmt, einen Luftballon an einer Schnur als Heidi-Klum-Skulptur zu verkaufen. Wir reden von Madam Tussauds, wo Prominente so dargestellt werden wie Bushido im neuen Film über Bushido, in dem Bushido Bushido spielt. Heidi Klum sieht also Heidi Klum und meint: «Toll getroffen!» (Auf das Urteil von Bushido über die Bushido-Darstellung in seinem Bushido-Film dürfen wir gespannt sein.) Den eigentlichen Höhepunkt erreichte die Freakshow, als am Dienstag der Suhrkamp-Verlag an seinem neuen Berliner Hauptsitz eine Einweihungsparty veranstaltet hat, wobei Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz im Arm von Klaus Wowereit aussah wie der Libysche Revolutionsführer Gaddafi auf einem frivolen Staatsbesuch in Berlin. Sie werden jetzt sagen: «Unverschämt, jemanden nur wegen seiner Kleider mit einem Tyrannen zu vergleichen!» Dachte ich auch. Aber dann sind am Donnerstag plötzlich die beiden Waldorfschüler Yunus und Rigo in allen Zeitungen erschienen. Waren angeklagt, weil sie am 1. Mai einen Molotow-Cocktail geworfen haben sollen. Die Anklagen wurden dann aber fallen gelassen, weil zur Tatzeit mehrere «ähnlich gekleidete Jugendliche» in der Nähe waren. Hätten also ebenso jeden anderen mit Jeans und Kaputzenpulli 7 1/2 Monate in U-Haft stecken können. Ist aber auch eine Frechheit, nicht wie ein Freak aufzutreten in dieser Stadt.

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February 1, 2010. Herrfischer. No Comments.
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