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Aprilwoche 4: Mittelmeerwoche

Es heisst, New Orleans sei nicht die am schlechtesten organisierte Stadt der USA, sondern die best-organisierte der Karibik. Es gibt Wochen, da denkt man: Gilt auch für Berlin. Nein nein, redet man sich ein, während man sich an der Turmstrasse, diesem Berliner Bosporus, wo es immer 10 Grad heisser ist als in der restlichen Stadt, das erste Mal im Jahr sein Köpfchen verbrennt. Nein, Berlin ist nicht die unzivilisierteste Stadt Deutschlands. Berlin ist die zivilisierteste Stadt des Mittelmeers. Ich weiss auch nicht, woran es liegt. Aber immer im April beginnt sich diese Stadt für eine Art Zypern zu halten. Als hätte es ein geografisches Recht darauf, eine geteilte Insel mit griechischem Schuldenberg zu sein, die nichts tut ausser am Meer zu liegen und Olivenöl ans Essen zu tun. Junge Menschen sitzen auf Ruinen rum, starren in den Sonnenuntergang und benehmen sich, als wären sie Figuren romantischer Landschaftsmalerei. Der Tagesspiegel schwärmt etwas von wegen «Berühmter ist nur die Copacabana» und meint damit nicht etwa Waik?k?-Beach, sondern – wegen den vielen Strandbars – das Berliner Spreeufer. Ich hielt es – wegen den vielen Strandbars – immer eher für eine Schmelzwasservariante der Après-Ski-Halde Sölden. Der Chef des Berliner Tourismusmarketing will unterdessen durch die Welt reisen und für den «Summer of Berlin» werben. Ich weiss auch nicht, womit man da werben will. Wahrscheinlich veranstaltet er Dia-Abende in schwäbischen Solbädern und zeigt diese exotischen Fotos, die in diesen Tagen in der Berliner Boulevardpresse dieses Karibische an Berlin unterstreichen: «Wie Sie sehen, meine Damen und Herren, tanzt man auch auf der Insel Kreuzberg den Wumba.» Das wird die aufgeweichte Crowd im Solbad zwar nicht zu ambitionierten Bewegungen animieren, aber vielleicht zu einer Car-Reise nach Berlin mit Besuch bei Madam Tussaud, diesem Museum, in dem Menschen nicht (wie man immer meint) ausgestellt, sondern vor allem: nicht verkauft werden. Was gegenüber dem Rest der Stadt ein zivilisatorischer Fortschritt ist.

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April 29, 2010. Herrfischer. No Comments.
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Rivella im Tannenwald linker Limonadendemos


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Unter Obercoolen: Ein Schweizer Nationalgetränk versucht, nach Berlin zu expandieren. Und quält sich mit seiner besten Zutat: Milch.

Weil man Getränke nicht beschreiben kann, brauchen sie eine gute Geschichte. Zum Beispiel: «Limonade aus dem Tessin. Lassen sie an der Sonne gären. Wird immer noch von Hand hergestellt!» Damit wurde Gazosa in Schweizer Städten Kult.

Die Geschichte von Rivella erzählt sich hingegen so: «Wollte ein Schweizer nach dem 2. Weltkrieg in Amerika verkaufen. Mochte niemand. Ist aus Milch. Aber in der Schweiz wurde es Nationalgetränk. Willst du probieren?»

Wie ein Fluch lastest die Geschichte auf den Expansionsversuchen des Aargauer Unternehmens. Ob nach England, Deutschland, Jugoslawien, Frankreich oder Amerika, immer sagte sie: «Du gehörst in die Schweiz!» Weil Rivella in der Schweiz aber nicht mehr wachsen kann, wagt das Unternehmen erneut den Schritt nach Deutschland. Oder genauer: Berlin, um über die experimentierfreudige Szene den Massenmarkt zu erreichen. Geht das diesmal gut?

Wie linke Demos sehen Berliner Limonadenregale heute aus. Clownsgesichter, Kommunistentanten, Totenköpfe («süss sind die anderen!») und das Logo der Britischen Luftwaffe zieren die Etiketten. Bio statt Energy und lokal statt global heisst die neue Devise. Und die Geschichten sind gut. Zwei Hamburger Freunde haben statt einem Putzunternehmen eine Hinterhof-Colafabrik eröffnet. Der Grosskonzern Carlsberg verspricht, mit einem Bioholundertrunk den «Geschmack von Heimat» zu imitieren. Ein Berliner Fotograf preist die von ihm neu aufgelegte Sowjetcola Wostok gleich damit an, dass sie beim Rülpsen wie Fichte schmeckt.

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April 27, 2010. Berlingeschichten. No Comments.
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Aprilwoche 2: Alarmstufe 2

Da sagt jemand aus der Berliner Polizei einfach nur «Zwei» und durch die Stadt geht ein einziges Geschrei. Denn 2, das steht in der polizeilichen Krawallprognosetabelle (ja, die gibt es) für die Fast-Katastrophe. 1 ist das schlimmste, 8 das laueste, las man in der Morgenpost. Wir werden also etwas zwischen Bolschewistischer Revolution (1) und Hugo Chávez (3) kriegen (8 wäre gewesen: Wolf Biermann spielt in Kreuzberg Gitarre, 7: und singt). Ich höre in solch brenzligen Situationen, in denen die Bild-Zeitung fragen würde «Gibt es jetzt Krieg, Herr Scholl-Latour?», immer am liebsten die Statements der Berliner Polizeigewerkschaft. Ich mag die irgendwie. Polizeigewerkschafter haben noch diese seltene Mischung aus John Wayne und Mutter Maria, diese «Wir schnappen euch den Ganoven!»-Haltung kombiniert mit mütterlichem «Aber pass bloss auf!». Weil die Polizeibeamten trotz Gefahrenstufe 2 am 1. Mai nur kalte Brote kriegen, lässt ihr Chef mal eben die ganze Stadt wissen, dass von ihnen «ohne Mampf kein Kampf» zu erwarten sei – oh, t’schuldigung, falscher Link, Originalzitat hier. Meldet dann aber die Schweriner Polizei, dass sie in diesem Jahr leider nicht nach Berlin kommen kann mit ihren zwei, drei Beamten, will die Gewerkschaft aus Sicherheitsgründen gleich die ganze 1. Mai-Revolution absagen und stattdessen so was wie Wolf Biermann einladen. Aufgescheucht von diesem Szenario sprach Grünen-Sprecher Benedikt Lux den Polizeibeamten zu, sie sollten doch «dafür werben, dass Kollegen nach Berlin kommen». Polizisten sollen also den Berliner 1. Mai bei ihren Kollegen in Bayern bewerben. Kann man ja mal probieren. Ob sie dafür die Krawallprognose auf 1 hoch oder auf 8 runter schrauben?

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April 11, 2010. Herrfischer. No Comments.
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