Im Polnischen Jagdrevier von Professoren im Selbstversuch

In Polen gewesen und mit Pistole geschossen: Herrfischer tat an Pfingsten gleich zwei Dinge zum ersten Mal. Der Mann in der Fotogalerie Mitte-rechts (siehe oben) ist er trotzdem nicht.
Bei der Rangverkündigung der letzten Hochschulmeisterschaften musste ich ja sogar zum zweitletzten Platz applaudieren. Damit niemand merkte, dass ich ihn belegt hatte. Danach nahm ich das Angebot, in Polen drei Tage lang meinen Unterarm zu trainieren, dankbar an.
Das angenehme an diesen Unisport-Reisen ist, dass man vom Ziel der Reise keine Ahnung haben muss. Man trifft sich am Ostbahnhof, folgt seinen Leuten und fährt ein paar Stunden durch Plantagenwald. Bis man in einem Land ankommt, von dem man nur weiss, dass man auf der Strasse keine Männer ansprechen soll, die Baseballschläger hinter ihrem Rücken tragen (was einem Hinweisschild in der Eisenbahn entnommen ist).
Unsere Fechttruppe trifft also in dieser sozialistischen Sportanlage irgendwo in Polen ein, die sonst von niemand anderem besetzt ist als einer 3er-Gruppe Deutscher Jäger. Wahrscheinlich linke Professoren der Freien Universität oder so was ähnliches. Der eine ist schlecht gelaunt, schlecht rasiert und trägt einen Tarnanzug. Schleppt sich, mit einem Krokodilszahn an der Halskette, auf zwei Krücken vom Saloon (die ganze Anlage ist eine Hommage an den Wilden Westen) in die Schiesshalle und von dort in den Speisesaal. Eindeutig Politologe im Selbstversuch. Er wird ständig begleitet von einem jungen Mann, der an ihm so eine Art Zivildienst ausübt und etwas introvertiert wirkt. Der Dritte, ich schätze mal der war Soziologe, verschwand jeweils am Morgen in seiner biederen Jägeruniform (mit grüner Krawatte mit aufgesticktem Jägerwappen) im Wald und kam abends – tobend vor Wut über «die Drecksviecher!» – zurück. In Zukunft wird er sich wieder dem Verhalten von Menschen widmen.
Weil jemand unserer Gruppe auf die Idee kam, dass auch wir die Schiessanlage ausprobieren sollten – «wo wir doch schon mal in Polen sind» – lernen wir den Politologen sogar noch kennen. Der sitzt da in seinem Camouflage-Anzug, imitiert mit seiner Krücke ein Gewehr und zielt auf die Scheibe, während sein Zivi für ihn mit der Luftpistole die Schüsse abgibt. «Poah, der hat n’Schussbild!» staunt unsere Kursleiterin. Der Politologe nickt, lädt seine Krücke nach und der Pole mit den grauen Plastikhaaren, in denen sich sogar das Neonlicht seiner Anlage spiegelt, drückt mir eine Pistole in die Hand. Er trägt einen Ohrenschutz und versteht vielleicht auch deshalb kein Deutsch. «Durchziehen!» und «Point a target!» redet er auf mich ein (wahrscheinlich Rilke-Experte), während ich zu erklären versuche, dass ich bei den letzten Hochschulmeisterschaften im Fechten für zweitletzten Platz applaudiert habe.
Am Abend sitze ich vor dem Fernseher, schaue mir eine polnische Soap Opera an, versteh’ kein Wort und versuche mit einem spitzen Bleistift meine Zielscheibe so zu löchern, dass sie halbwegs jenen meiner Zimmerkollegen gleicht. Da wird in der Sendung ein Polnischer Priester mit einer Polnischen Putzfrau in seinem Zimmer erwischt. Haha, ausgerechnet mit der Putzfrau! Das heitert jeden auf.
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