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Tiermasken II

Total vertierkopft

Woher kommen mit einem Mal all die Tiermasken in den sozialen Netzwerken? Was wollen sie uns eigentlich sagen? Soviel vorweg: Die Grünen sind schuld.

«Selten so einen bekloppten Unfug gelesen.» – Leserkommentar

Es ist eigentlich kein besonderes Profilbild, das der Kollege da auf Facebook hat. Er trägt ein weisses Hemd und ein braunes Jackett und steht vor einer Ziegelmauer. Aber auf dem Kopf, da prangt eine Panda-Maske. Ein Knaller: Zehn mal mehr Likes als sonst. Eine Kollegin steht sogar nur vor einer weissen Tür und tut nichts, ausser durch die Augenlöcher einer etwas traurigen Braunbären-Maske zu schauen. Peng: 20 Daumen hoch.

Wo eben noch menschliche Gesichter waren, schauen einem in den sozialen Netzwerken seit einiger Zeit Pferde-, Hühner- oder Bärenmasken entgegen, begleitet durch zahllose gestrickte Tierkopf-Mützen auf den winterlichen Strassen. Auf der Fotoplattform Instagram liefert das Schlagwort «horsemask» – Pferdemaske – eine endlose Liste von Fotos, in denen junge Leute mit Pferdeköpfen im Bett fläzen, den Rasen mähen, Biere runter kippen, Ukulele spielen oder eben einfach nur da stehen. Der Tierkopf-Witz scheint nicht nur in jeder Lebenslage zu funktionieren. Er ist komischerweise auch so gut wie immer lustig, egal, ob das Pferd nun den Abwasch, Party oder gar nichts macht. Für den Träger ist das gut. Die Maske bietet ein bisschen Verschnaufpausen in den bildhungrigen sozialen Netzwerken, in denen einem irgendwann die Gesichtsausdrücke ausgehen. Nur: Was wollen uns diese Köpfe eigentlich sagen?

Der tierische Maskenball, er begann in der Hipster-Kultur. Hierzulande waren es vor allem Indie-Bands wie «Bonaparte», die die Tierköpfe aufs Parkett gebracht haben. Die Musiker trugen Wolfsmähnen, Hasenmützen und Pferdeköpfe. Die schwer angesagte isländische Gruppe «Of Monsters and Men» taufte ihr Album gleich «My Head Is An Animal» – mein Kopf ist ein Tier. Und Rapper Cro will sich gar nicht erst ohne seine Pandamaske zeigen.

Im 2012 erschienen Sammelband «Hipster» (Suhrkamp) lästert der Kritiker Mark Greif über Bands wie «Animal Collective», «Grizzly Bear» oder «Band of Horses», er höre in ihren Videos – neben Tierlauten – nur «hübsche Beach-Boys-Harmonien und habe dabei ortlose, idyllische Enklaven vor Augen, wilde Strände, Wälder, eine liebliche, weitläufige, beherrschbare Natur.» Zurück auf die Tiermasken übertragen hiesse das: Sie sind Pseudowildnis. Ein idyllisches, kontrolliertes Stück Wildheit in einer allzu zivilisierten Welt. Wer sie trägt, darf sich ein bisschen unzivilisiert verhalten, ohne gleich mit seinem Gesicht dafür stehen zu müssen. Nicht wenige der Pferde-Menschen auf Instagram posieren denn auch in recht unflätigen Stellungen.

Durchsucht man Instagram aber weiter nach dem generellen Schlagwort «animalmask» oder die Google-Bildersuche nach «tiermütze», will sich diese These nicht recht bestätigen. Denn viele der Masken und Mützen sind keineswegs der wilden Tierwelt entrissen. Da sind neben Tigern und Bären auch Nutztiere wie Schweine und Hühner. Auch Frösche erfreuen sich grosser Beliebtheit. Alles keine Tiere, die für idyllische Wildheit stehen. In den Kommentaren zu den Fotos wird auch nicht etwa gelobt, dass sie idyllisch oder wild sind. Gelobt wird, wie «gruselig» sie seien. Auf Amazon bemängelt ein Rezensent sogar, dass ein bestimmtes Pferdemasken-Modell zu wenig verstörend aussehen würde für den Preis von € 39,90. Meist sind die Fotos auch so geschossen, dass das Tier nicht etwa mächtig oder wild daherkommt, sondern verstört, bedrückt oder traurig. Cro’s Panda blickt auch meistens zu Boden.

Man braucht einen Moment, bis man dieses Tier-Sammelsurium und seine bedrückte Gesichtsausdrücke auf einen Nenner gebracht hat. Aber dann ist es plötzlich offensichtlich: Was hier dargestellt wird, sind die Opfertiere der Moderne.

Da sind die Bären, Löwen und Gorillas, die in Zoos und Zirkussen ein trostloses Künstlerleben fristen oder in der Steppe von alt- und neureichen Wilderern zum Teufel gejagt werden. Da ist das zu ewiger Leistung verknechtete Pferd. Da sind Schweine und Hühner, deren einzige Lebensaufgabe es ist, sich in Tierfabriken zu Tiefkühlprodukten verarbeiten zu lassen. Da sind Frösche, die auf Überlandstrassen zu tausenden flachgelegt werden.

Diese Tiere haben etwas gemeinsam: Es sind die Lieblingstiere der Grünen und der Ökobewegung. Es sind überhaupt die neuen Lieblingstiere. Klingt albern, stimmt aber. Die Umweltbewegung hat die Rollen in der Tierwelt neu verteilt. Respekt gebührt heute nicht mehr den verwöhnten Haus- und Ziertieren, sondern jenen, die in Fabriken gequält oder in der Steppe gejagt werden, die vom Aussterben bedroht sind oder deren Lebensräume durch Strassen kaputt gemacht wurden. Ihre Masken auf Facebook zu tragen und zu liken ist ein neuer Weg zu sagen: Ihr seid zwar traurig, wir wissen das, aber wir denken an euch. Vergleichbare Masken und Mützen von Katzen, Hamstern oder Hunden gibt es nicht.

Erschienen so ähnlich in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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