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Drogenrevolution durch Digitalisierung? Spoiler: Da tut sich was

4. Dezember 2014

herrfischer

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Mike Powers «Dein Crack ist in der Post» – und die Schwierigkeit, es auf den deutschen Drogenmarkt zu übertragen

Die wichtigste Drogen-Diskussion ist zwar momentan die Legalisierung von Cannabis in einigen US-Bundesstaaten und die Frage, welche anderen Staaten (und Substanzen) dem Vorbild folgen könnten. Und ob das Modell funktioniert. Zugleich rollt da aber noch eine zweite Veränderung auf dem Drogenmarkt heran. Von ihr handelt Mike Powers «Dein Crack ist in der Post».

Zusammengefasst: Das Wissen über Designerdrogen ist heute online verfügbar, sei es in Foren oder in wissenschaftlichen Publikationen. Jeder studierte Chemiker kann synthetische Drogen, die etwa die Wirkung von Cannabis oder Koks nachahmen, kopieren und weiter variieren. Das führte in den letzten Jahren zu einem rasanten Anstieg neuer, jeweils kurzzeitig legaler Substanzen. Massenhaft gefertigt werden diese Designerdrogen (oder Research Chemicals) aber nicht mehr nur in den Untergrundküchen in Holland oder Osteuropa, sondern in Chemielabors in China oder Indien, die ihre Ware per Western Union abrechnen, per DHL versenden und sonst auch ganz legal für europäische Pharmaunternehmen arbeiten (Power liess sich in einer lesenswerten Reportage seine eigene Designerdroge fertigen).

Gleichzeitig wächst der Online-Handel mit legalen und illegalen Rauschmitteln auf einschlägig bekannten Plattformen und es hat sich eine rege Diskussions- und Testkultur um die Substanzen und ihre Händler etabliert. Wenn auch der Marktanteil des Internethandels nach wie vor sehr klein ist, tut sich hier etwas.

 

9781846274602Powers Buch macht im deutschsprachigen Kontext allerdings ein paar Probleme (ich habe diese Woche in der NZZ am Sonntag darüber geschrieben). Es bezieht sich vor allem auf den englischen Markt. Der Verlag schrieb mir zwar, dass die deutsche Ausgabe den deutschen Verhältnissen angepasst wurde. Ich konnte jedoch kaum Unterschiede finden.

Designerdrogen wurden in den letzten Jahren vor allem in England und Skandinavien populär. Auf dem deutschen und dem schweizerischen Markt spielen sie kaum eine Rolle. Das hat verschiedene Gründe:

  • Geografie: Während Deutschland und die Schweiz, eingebettet in Europa, gut versorgt sind mit klassischen Rauschmitteln, sitzen die Briten, umgeben von Wasser, immer mal wieder auf dem Trockenen – und weichen auf Designerdrogen aus.
  • Konjuktur: Als dann auch noch das Pfund an Wert verlor und etwa das Koks auf der Insel immer dünner wurde, waren Reaserch Chemicals eine wenn auch schlechte, so doch immerhin veritable Alterantive (Vorteile bringen sie dem Konsumenten gegenüber den Orginialen kaum).
  • Soziale: Die britische Partyszene scheint generell experimentierfreudiger.
  • Juristische: In Schweden etwa mit seiner restriktiven Drogenpolitik sind Designerdrogen beliebt, denn  solange sie legal sind, hat ihr Besitz keinen Eintrag ins Strafregister zur Folge.

Dennoch sprechen auch hier Experten von einem Paradigmenwechsel. Frank Zobel, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei «Sucht Schweiz» in Lausanne, meinte etwa, als ich mit ihm für die NZZ am Sonntag sprach: «In Europa macht man das Design, in China oder Indien wird produziert. Das ist eine neue Welt, fernab von Südamerika oder Afghanistan. Wir wissen noch nicht, welche Leute das machen und wie gross das wird, aber verschwinden wird es nicht.»

Es braucht nur wenig und das Gefüge gerät in Bewegung:

  • Es ist jederzeit möglich, dass einem Designer eine synthetische Blockbuster-Droge gelingt. Mit Mephedron gelang vor wenigen Jahren der ersten «downloadbaren» Droge zumindest in England der Durchbruch. Nach solchen neuen Blockbustern suchen wohl zur Zeit viele.
  • Trocknet ein Markt kurzzeitig aus oder werden Gesetze verschärft, sind Designerdrogen eine veritable Alternative.
  • Webservices wie Tor und Bitcoin – auch für die Produktion und Vertrieb von Designerdrogen von Bedeutung – werden immer populärer.
  • Und schliesslich: Trends. Die undurchschaubare Macht von Trends.

Mal schauen…

Und sonst so: Nicht recht in die Zukunft blicken liess Roberto Savianos Kokain-Recherche «ZeroZeroZero», das zweite grosse Drogen-Buch, das in diesem Jahr auf Deutsch erschien, aber bedeutend mehr Aufmerksam erhielt. Zu Unrecht, wie ich finde. Ich las ZeroZeroZero zwar gebannt wie einen Roman. Nur schreibt Saviano auf Seite 468: «Ich bin kein Chronist der Fakten, sondern der eigenen Seele» – und ich stellte fest, dass ich darin keine einzige Stelle markiert hatte.

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