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Burgen bauen

Burgen Marke Eigenbau

Ein Imker hat illegal eine Trutzburg errichtet und ein Radiomoderator will mit mittelalterlichen Methoden den St. Galler Klosterplan verwirklichen. Übers Burgenbauen in modernen Zeiten. 

«Wenn es ’ne Wellblechhütte wär‘, sähe die Sache wieder anders aus», schrieb jemand im Internet. Stimmt: Wäre das, was Volker Sieradzki illegal in den Heppenheimer Weinberg gestellt hat, eine Wellblechhütte, dann hätten ihm die Behörden den Bau einfach abgerissen und es gäbe keine Diskussion. Doch Sieradzki hat nicht eine Wellblechhütte, sondern eine Burg gebaut. Und deshalb ist jetzt Krach im hessischen Heppenheim an der beschaulichen Bergstrasse.

Sieht man die «Heppenheimer Trutzburg», wie sie mittlerweile heisst, mit etwas Abstand, könnte man tatsächlich meinen, sie stehe da schon ewig. So gemütlich wie ein Elefant im Steppengras liegt sie in den Reben. Erst von nah erkennt man, dass sie noch immer eine Baustelle ist. Am Dach fehlen Ziegel, an den Mauern der Putz und mit dem grossen Turm hat Burg- und Bauherr Sieradzki gar nicht erst begonnen – und wird es wohl auch nicht mehr tun.

Heppenheimer Trutzburg

Die «Heppenheimer Trutzburg» im Weinberg

Ein «absoluter Schwarzbau» sei die Burg, sagt Matthias Schimpf dieser Tage in nicht wenige Mikrofone. Noch dazu «absolut öffentlich zugänglich», trotz mangelnder statischer Berechnung. Und dann auch noch im Weinberg, im «absoluten Aussenbereich», wo sowieso nichts gebaut werden darf. Schimpf – Fliegenträger und Grünen-Politiker – ist im Landkreis unter anderem fürs Bauen, die Umwelt, die Ordnung und die Sicherheit zuständig. Also alles, wogegen die Burg verstösst. «So leid es mir selbst tut, aber die Burg ist nicht zu retten», sagt er. Mag im Internet und in Leserbriefen jetzt auch noch so viel gegen die deutsche «Bürokratur» gewettert werden, die selbst das zertört, was jemand mit eigenen Händen über Jahre gebaut hat. «Recht muss Recht bleiben», heisst es unisono aus den Reihen der Parteien. Und: Man möge das Ding doch bitte abreissen, «bevor Hollywood einen Film darüber dreht».

Eine Burg, kein Kunstwerk

Volker Sieradzki

Burgherr Volker Sieradzki

Sieradzki (45) selbst schaut der Debatte nur noch teilnahmslos zu. Er macht keinen Hehl daraus, dass er kaum eine Genehmigung für den Bau erhalten hätte. Aber er hatte nun mal die fixe Idee, auf dem Stück Weinberg eine Naturschule für Kinder zu bauen, «weil das Imkern allein zum Leben kaum reicht» (er verdient nur einige hundert Franken im Monat). Und weil er, bevor er Imker wurde, mal Sozial- und Verwaltungswissenschaft studiert hatte, wusste er zumindest, dass Schwärme mächtiger als Behörden sein können. Wenn man also einer Stadt ein illegales Gebäude unterschieben möchte, dann müssen dieses Gebäude alle mögen. Dann muss dieses Gebäude eine Burg sein.

Heppenheimer Trutzburg

«Kein Kunstobjekt»

«Wenn ich ein Kunstobjekt gebaut hätte, das zum Denken anregt, dann wäre das auf Widerstand gestossen», meint er heute. «Dann hätten die Senioren Feuer gespuckt. Aber eine Burg gefällt doch jedem.» Ausserdem sieht eine Burg auch dann schon nach einer Burg aus, solange sie noch eine Baustelle ist. Also baute Sieradzki statt einem Kunstobjekt (oder einer Wellblechhütte) eine Burg und warf beim Bauen sein schielendes Auge auf die Spaziergänger im Weinberg, die über Jahre tatsächlich so wenig Feuer spuckten wie die Behörden.

Eine Art von Meditation

Seit zweihundert Jahren pflegt der moderne Mensch eine Burgen-Romanze. Mögen sie in den tausend Jahren Mittelalter auch nur für kurze Zeit eine Rolle gespielt haben, nämlich im Hochmittelalter vom 11. bis zum 13. Jahrhundert: Im 19. Jahrhundert wurden sie zum Symbol für die Epoche schlechthin. Der Luzerner Mediävist Valentin Groebner sagt: «Die jungen europäischen Staaten brauchten möglichst alte Ursprünge. Deshalb wurde im 19. und 20. Jahrhundert sehr viel ‹neues› Mittelalter gebaut.» Der Bayernkönig liess sich Schloss Neuschwanstein errichten, das mit seinen Zinnen aussieht, als hätte es die Mongolen abwehren müssen. Hitler und Himmler liessen ihre Schulungskasernen wie mittelalterliche «Ordensburgen» aussehen.

Nach dem 2. Weltkrieg sind es dann vor allem Einzelpersonen auf der Suche nach Sicherheit und Beständigkeit, vermeintlicher Authenzität oder einem Rückzugsort vor der Moderne, die dem Burgenbauen verfallen. Kein geringerer als Carl Gustav Jung hatte sich bereits in den 1920ern in Bollingen am Zürichsee eine kleine Burg gebaut, weil ihm «Wort und Papier» nicht real genug waren und er stattdessen ein «Bekenntnis in Stein» ablegen musste, um sein Unbewusstes zu erforschen – und Ruhe und Geborgenheit zu finden. Er war gewissermassen Wegbereiter. In den USA gibt es mittlerweile eine ganze Szene von Leuten, die meist mit blossen Händen und oft am Rande der Legalität und des finanziellen Abgrunds Burgen errichten. Es geht dabei nicht darum, mittealterliche Bauwerke historisch präzise nachzubauen. Es geht um grosse Steine, schwere Balken und wie man diese von Hand zerlegt. Chuck Palahniuk («Fight Club») beschrieb es mal als «Ritus. Eine Art von Meditation».

Auf die Spitze treibt dieses moderne Burgenbauen derzeit das Projekt «Guédelon» im französischen Burgund. Seit 1997 wird hier mit mittelalterlichen Methoden eine Burg errichtet. 2023 soll sie fertig werden. Dabei strömen jedes Jahr Hunderttausende auf das Gelände, diesem begehbaren «Was ist was»-Buch für Kinder jeden Alters, und zahlen 12 Franken Eintritt, nur um den Arbeitern zuschauen zu dürfen, wie sie Steine schlagen, Seile drehen und wie die Hamster in Tretmühlen das Gestein auf die Mauern hieven.

Fesselnde Seiler

Wie ansteckend dieses langsame Bauen sein kann, dafür ist Bert Geurten (62) vielleicht das beste Beispiel. Der Aachener sah vor wenigen Jahren einen Film über Guédelon und dachte gleich: «Datt mach’ auch!» Wie er dann vor Ort wie gebannt eine halbe Stunde vor der Kurbel des Seilers stand (der einem mit seinem Brettchen, mit dem er bedächtig vier Schnüre ineinander wickelt, in der Tat das Meditieren ersetzen kann), sah sich Geurten auch noch rein rechnerisch bestätigt: «So ein Seiler fesselt die Leute ja genauso wie eine Millionen teure Achterbahn in einem Freizeitpark», dachte er sich – und legte los.

Nun war Geurten aber kein eigenbrötlerischer Imker, sondern ein extrovertierter Radiomoderator, der mit der Energie eines Hüpfburg-Gebläse reden kann. Also hat er, anstatt wie Sieradzki einfach mit dem Bauen anzufangen, zuerst geredet. Viel geredet. Vor skeptischen Stadträten, skeptischen Bürgern und noch skeptischeren Behörden. Denn Geurten will nicht einfach ein zweites Guédelon errichten. Er will nichts geringeres als den St. Galler Klosterplan aus dem 9. Jahrhundert verwirklichen, in dessen gut 100 Meter lange Kirche allein die Burg von Guédelon zwei Mal passen würde. Mittlerweile hat sich das Reden ausgezahlt: 1,2 Million Franken Startkapital hat das Projekt beim Staat und bei Privaten eingesammelt. In Messkirch nördlich vom Bodensee wird es nächstes Jahr verwirklicht, vierzig Jahre lang, finanziert durch Eintrittsgelder.

Hauptsache von Hand

Doch eigentlich sind die Klosterkirche und die Heppenheimer Trutzburg gar nicht so verschieden. Just in der Zeit, in der die deutschen Atomkraftwerke abgeschaltet werden (eines davon in Sichtweite der Trutzburg), befriedigen sie eine Sehnsucht nach Handfestigkeit. So wie die Messkircher alles aus lokalem Stein und heimischem Holz bauen möchten, sagt Sieradzki, dass seine Burg zur Hälfte aus Bauschutt besteht. Wo immer ein Haus abgerissen wurde, fragte er nach Ziegel und Balken. Böden baute er aus alten Paletten. Und so wie seine Trutzburg begeistert, weil sie durch die Hände von einem einzigen gegangen ist, so fasziniert auch die Klosterstadt als Trutzburg gegen die Moderne.

«Viele Menschen heute sind entwurzelt», meint Geurten auf die Frage, warum sich sein Projekt vor Bewerbern kaum retten kann und die Besucher begeistern wird. «Sie sind mit ihrer bisherigen Arbeit unzufrieden. Sie wollen wieder in Ruhe ohne Laptop und ohne Handy arbeiten und am Ende des Tages den Fortschritt ihrer Arbeit sehen.» Die Bewerber-Liste soll vom gelernten Steinmetz bis zum Informatiker reichen. Alle wollen sie umsonst oder für 1400 Franken im Monat dieses Kloster bauen. Um «endlich wieder mit den Händen zu arbeiten», so ein Steinmetz, «und ohne Zeitdruck», wie sein Kollege ergänzt.

Was das alles mit Mittelalter zu tun hat? Wenig. Mittelalter meint hier einfach eine Zeit, als man noch in Ruhe, von Hand und an der frischen Luft arbeiten konnte. Und als Bauwerke noch so einfach waren, dass auch der Laie davor stehen und sich sagen konnte: «So was bau’ ich mir auch!»

Zuerst erschienen in der «NZZ am Sonntag»

  1. A. Becker #
    Juni 17, 2012

    „Doch eigentlich sind die Klosterkirche und die Heppenheimer Trutzburg gar nicht so verschieden. Just in der Zeit, in der die deutschen Atomkraftwerke abgeschaltet werden (eines davon in Sichtweite der Trutzburg), befriedigen sie eine Sehnsucht nach Handfestigkeit.“ Von wegen Handfestigkeit – bei der Heppenheimer Trutzburg ließen sich die einzelnen Ziegel teils von Hand und ohne ernstzunehmenden Kraftaufwand aus den Mauerbögen herausziehen, die damit von selbst zusammenbröckelten. Bröseliger als die Reste einer bereits verfallenen Ruine. Ich bin froh, dass da keine Schulklassen reingekommen sind! Von den Fachleuten in Messkirch erwarte ich dagegen solides Handwerk und damit Bauten, in denen nicht die Gefahr besteht, dass man als Besucher erschlagen wird.

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