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König im Korb

12. August 2012

herrfischer

Der Gutschein für die Ballonfahrt lagerte vier Jahre in einer Schublade. Doch irgendwann gab es keine Ausreden mehr –

Es war ein langer Weg auf diese 3000 Meter Höhe. Vier Jahre hat er gedauert. Ich hatte damals einen Gutschein für eine Ballon-Fahrt über den Säntis erhalten, rief bei der Firma Sky Fun an und fragte nach einem Termin. Leider passte grad nichts. Und mir war das recht. Der Gedanke, mit dem Ballon in die Schwägalper Südwand zu krachen, behagte mir sowieso nicht.

Ich fand dann immer einen Grund, weshalb ich nicht zur Ballonfahrt konnte. Vor zehn Jahren hatte ich noch begeistert «Mit dem Wind um die Welt» gelesen, das Tagebuch von Bertrand Piccard und Brian Jones über ihre Ballonfahrt um die Erde. Heute schau ich nur noch YouTube, diese böse Glaskugel, die man nach all seinen irrationalen Ängsten befragen kann. «Ballon» und «Absturz» etwa. Darauf liess YouTube natürlich alles platzen, was den Himmel schön und farbig und abenteuerlich machte. Ich legte den Gutschein in eine tiefe Schublade.

Dass er nur zwei Jahre gültig ist, wusste ich zwar. Aber ich bin so gut darin, mich selbst zu manipulieren, dass ich ernsthaft überrascht war, als ich neulich sah: Abgelaufen.

Das wiederum konnte ich nicht auf mir sitzen lassen. Bestimmt war der Bon nicht billig. Ich meldete mich nochmals bei Sky Fun und fragte, ob ich doch noch kommen kann. Kein Problem, meinten sie. Sie hätten neulich einen Gutschein von vor 19 Jahren entgegengenommen.

Gutscheine für Ballon-Fahrten sind ein beliebtes und schönes Geschenk. Die meisten werden innerhalb eines Jahres eingelöst. Aber ab und zu gibt es Fälle wie mich. «Man merkt schon, ob jemand mit Freude oder Unbehagen kommt», sagt Clarissa Nussbaumer, die die Termine koordiniert. Wenn sogar der Coiffeur-Termin des Hundes herhalten müsse, warum man nicht kommen könne, dann sei das ein deutliches Zeichen für Unbehagen.

Sie macht es wie eine Psychologin und schreibt alles auf ein Kärtchen. Auf meinem stehe zum Beispiel, dass ich bei einem Anruf vor vier Jahren sagte, dass ich erst am Geburtstag meiner Mutter wieder in der Schweiz sei und mich dann melden würde. Was ich natürlich nicht tat. Und was mir nicht recht ist. Doch das Kärtchen hat einen positiven Effekt: Ich fühlte mich gut aufgehoben. Wer sich den Geburtstag meiner Mutter noch besser merkt als ich das tue, der bringt mich auch sicher über den Säntis. Ein volles Patientenblatt ist die halbe Therapie.

Ich hatte Glück und erhielt auch gleich einen Termin in wenigen Tagen. Das Wetter spielte mit. Und so versammelten sich in Herrgottsfrühe (Sonntags, 5:30 Uhr) etwas mehr als ein Dutzend Leute an einer Rheintaler Autobahntankstelle. Zwei Jeeps mit zwei Ballons kamen angefahren. Wir versammelten uns in einem Halbkreis und unsere Namen wurden aufgerufen. Der Appell erinnerte mich an meinen einen Tag in der RS. Damals gefiel mir das nicht. Jetzt schon. Ich fühlte mich gut aufgehoben, sagte laut «Ja!», als mein Name kam.

Allein war ich wohl nicht mit meinem Unbehagen. Unser junger Pilot musste sich zig Fragen stellen lassen im Stil von: «Wie viele Stunden musst du denn pro Jahr fliegen?» Aber er war routiniert, im Ballonfahren genauso wie in diesen Fragen. Und auch er war ein guter Psychologe. Ob ich noch etwas im Auto habe, fragte er mich, als der Ballon fast stand. «Nein», sagte ich. Und noch bevor ich «Warum?» fragen konnte, sagte er: «Dann hier einsteigen!»

Ehe ich überlegen konnte, stand ich im Korb. Schnell wie ein Lift fuhren wir nach oben, in hohem Bogen Richtung Alpstein. Wie es war? Grossartig. Ich schaute runter und fühlte mich wie der König einer Modelleisenbahn, der auf sein Reich schaut und sieht, dass es gut ist. Da ist nichts mehr, was ihn vom Thron stossen könnte. Kein Handyempfang. Kein YouTube. Nur himmlische Ruhe. Noch nie hatte ich mich so gut aufgehoben gefühlt wie in diesem gepolsterten Korb.

Erschienen im St. Galler Tagblatt 

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