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Mein Alkoholproblem

Wer nicht trinkt, hat ein Problem. Er ist in Restaurants, Bars und Clubs wie ein Ungläubiger unter Christen. Ein Erfahrungsbericht.

Es gibt viele gute Gründe, keinen Alkohol zu trinken. Vielleicht ist man Moslem und will nach dem Tod ins Paradies. Oder man will sich bis zum Tod die Leber nicht ramponieren. Vielleicht macht man sich auch Sorgen, der Trunksucht anheimzufallen. Oder man mag den Geschmack von Alkohol einfach nicht. Oder man mochte ihn früher einmal viel zu sehr. Vielleicht gelangte man auch zur Einsicht, dass man nüchtern die bessere Abendunterhaltung ist als betrunken. Oder man hatte schlicht den richtigen Zeitpunkt verpasst, mit dem Trinken anzufangen.

Zum Unglück der Nicht-Trinker haben alle diese Gründe eines gemeinsam: Sie sind allesamt kein guter Ausgangspunkt für gute Tischgespräche an einem beschwingten Samstagabend. Trotzdem weiss jeder am Tisch sofort nach der Bestellung der Getränke, dass da ein Nicht-Trinker beiwohnt. Alle haben es gehört, wie man nur ein Cola bestellte. Und jeder will jetzt wissen: Warum? Beziehungsweise: Warum will man nicht Teil sein des gemeinsamen Rausches, zu dem dieser Samstagabend führen soll?

Wer nicht trinkt, ist wie ein Häretiker unter Christen. Er verweigert sich der vielleicht letzten übersinnlichen Erfahrung, der man sich heute noch kollektiv hingeben kann. Am besten wissen das die Kellner, die im Ritual des Trinkens die Rolle der Pfarrer übernommen haben. In einer Prozession so kompliziert wie die katholische Abendmahlsfeier bereiten sie ihre Gäste auf den Rausch vor. Da wird die Wahl des richtigen Weins besprochen, seine Herkunft, sein Jahrgang und sein Abgang im Gaumen. Ich selbst, der Nicht-Trinker, sitze daneben und frage mich, warum ich eigentlich nicht ebenfalls zwischen mehr als einer Cola-Sorte wählen kann? Da wird degustiert und temperiert. Und ich sitze daneben und denke: Schön, aber warum wird eigentlich mein Cola immer lauwarm und ohne Kohlensäure serviert?

«Und Sie bleiben beim Cola?», werde ich vom Kellern am Ende herausfordernd gefragt. Ich denke: Aber sicher. Mein Gott ist besser als deiner, Cola zig mal komplexer als Wein, der so banal ist, dass man ihn schon vor Jahrtausenden herstellen konnte. Ich sage stattdessen: «Ja, für mich das Cola» und schaue zu, wie der Kellner geschickt nach dem geschliffenen Weinglas auf meinem Gedeck greift und es mir entwendet wie einem kleinen Kind ein zu scharfes Messer. Stattdessen werde ich mein Cola in einem Glas mit sandgestrahlter Werbung für Coca-Cola erhalten. Ich nehme natürlich nicht übel, dass niemand mit diesem Glas anstösst.

Wir Abstinenten sind eigentlich nicht wenige. Wir sind zwar nicht stolz, dass Hitler zu uns zählte. Aber dafür trinkt auch Batman nicht. Genauso wie Karl Lagerfeld. Oder Angus Young von AC/DC. Oder Oliver Pocher. Oder überhaupt jeder zehnte Schweizer und jede fünfte Schweizerin. Gute Gesellschaft. Nur nützen tut sie einem nichts. Denn rechnerisch sitzt an jedem Tisch nicht mehr als einer, der nicht trinkt. Man ist immer der einzige.

Wenn das Restaurant die Landeskirche ist, wo in ausgeklügelten Ritualen der Alkohol gepriesen wird, dann sind Bars und Clubs die evangelikalen Freikirchen. Am Tresen wird die alkoholische Transzendenz zum frommen Projekt von jedem Einzelnen. Die Anleitung des Kellners ist nicht mehr erwünscht. Jeder hat jetzt seinen individuellen Weg zum Rausch, eine bestimmte Reihenfolge unterschiedlich hochprozentiger Alkoholika, die wie ein Gebetskranz zum seligen Rausch führen sollen. Hier mit Soziologie zu kommen und mal festzuhalten, dass die Wirkung von Alkohol nur bedingt biologisch ist, sondern vor allem vom jeweiligen kulturellen Kontext geprägt, von sich selbst erfüllenden Erwartungen und gegenseitiger Imitation, ist wie Christen aus Thomas Paines «Das Zeitalter der Vernunft» vorzulesen. Wer erklären will, hat den Witz nicht kapiert.

Es gibt da allerdings ein weit verbreitetes Missverständnis. So wenig wie Beten den Menschen grundsätzlich besser macht, macht der Alkohol den Trinkenden, sagen wir: grundsätzlich lustiger. Manche durchaus, ja. Gar schweigsame Informatiker entwickeln im Rausch plötzlich Komik. Wir müssen dem Alkohol allein deshalb ewig dankbar sein. Andere eskalieren, werden von Randfiguren der Tanzfläche zu deren Mittelpunkt und sind für all Umstehenden gute Unterhaltung. Auch dafür sollten wir dem Alkohol danken. Andere hingegen hüllen sich mit jedem Schluck tiefer in Schweigen oder beginnen gar von Sorgen zu berichten. Und dann sind da noch die Trinkfesten, die noch morgens um drei so kontrolliert am Tresen stehen wie die Londoner Palastgarde.

Die Unterschiede zwischen Trinkern und Nicht-Trinkern sind im praktisch ausgeführten Rausch eigentlich nicht grösser als die zwischen den verschiedenen Trinkern. Ich war an Partys schon der erste, der als betrunken galt, und wurde von Sicherheitskräften entsprechend hantiert. Denn auch ich werde nun mal – wie jeder Mensch nach Mitternacht – müde und nehme Verhaltensweisen an, die landläufig mit Trunkenheit assoziiert werden: Ich beginne zu lallen, meine Witze werden schlechter und meine Augen träge. Später wird man auf den Fotos nicht mehr erkennen, wer getrunken hatte und wer nicht – von eindeutigen Fällen natürlich abgesehen. Und hätte man Protokoll geführt, es würde aus den Unterlagen nicht hervorgehen, welche Witze unter Alkoholeinfluss gefallen sind und welche nüchtern. Die Krux aber ist: Man kann Jesus-ähnlicher und Bibel-belesener als der beste Christ sein, solange man nicht wenigstens eine Zeile betet oder einen Schluck trinkt, ist man, heisst es, suspekt. Ein potentieller Verräter.

Es ist dann immer die Frage: Bleiben oder gehen? Ein paar Stunden nach Mitternacht beantwortet sie sich aber sowieso von alleine. Man kann einem Gottesdienst auch als Atheist folgen. Aber wenn die ersten beginnen, in Zungen zu reden, verlieren die unergründlichen Wege des Rauschs für den Nicht-Trinker an Reiz. Manche sagen, sie haben in diesen Stunden die tiefsten Wahrheiten erfahren, hätten das Licht gesehen, wo sie nur Dunkelheit erwartet hätten. Bittet man sie, das zu konkretisieren, erntet man Gemurmel. Für mich ist jedenfalls nichts mehr zu gewinnen. Im Gegenteil: Weil Witze die Währung der Nacht sind, haben ich, da ich keinen schlechten Witz mehr mit meinem Pegel entschuldigen kann, nur zu verlieren.

Man staunt als Nicht-Trinker, woran sich die Kollegen am Morgen danach alles erinnern. Oder woran sie nach eigenem Bekunden keine Erinnerung haben, wovon sie aber überzeugt sind, dass es einschneidend gewesen sein muss. Ich selbst werde jetzt gemieden. Schliesslich bin ich Zeuge und der Zeuge muss sterben. Ob Zeuge davon, was möglicherweise vorgefallen ist, oder Zeuge davon, dass nichts vorgefallen ist, wird dabei nie so recht klar. Fein raus sind hingegen die Trinkfesten. Sie waren zwar bis in die frühen Morgenstunden wacher als man selbst. Erinnern können sie sich aber, wie sie auch jetzt nicht müde werden zu behaupten, an gar nichts. Das macht sie irgendwie suspekt.

Erschienen in der NZZ am Sonntag.

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