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Jede Leiche zählt

In der Serie «Der Bestatter» im Schweizer Fernsehen geht es hoch zu und her? Nicht im Vergleich zur Berliner Wirklichkeit! 

Jetzt ist schon wieder etwas passiert auf dem Berliner Bestattungsmarkt. Aber zur Abwechslung wurde einmal keine Leiche entführt. Es wurde auch kein Transporter voller Särge geklaut. Die Polizei hat auch nicht Urnen im Büro eines Bestatters entdeckt, die längst vergraben sein müssten. Nein, es ist nur der Nacktkalender eines Sargbauers erschienen.

Im Schweizer Fernsehen läuft jetzt wieder «Der Bestatter» mit Mike Müller in der Hauptrolle des trinkenden Totengräbers. Also jenem Bestatter, der schon mal seinen Lehrling ohne Fahr­aus­weis den Leichenwagen fahren lässt – wenn er einen Kindersarg nicht gleich in den öffentlichen Verkehrsmitteln transportiert. Der Berliner hingegen braucht keine Fernsehspiele, um in die Abgründe des Bestattungswesens zu schauen. Er liest die Zeitung.

Manche sagen, es gehe in ganz Deutschland ähnlich schlimm zu und her auf dem Beerdigungsmarkt. Andere meinen, in Berlin sei es am schlimmsten. Manche sagen, das Unheil habe mit der Streichung des Sterbegelds vor zehn Jahren begonnen; seither zahlen die Krankenkassen nichts mehr an das Begräbnis. Andere meinen, es habe schon etwas früher angefangen, mit dem Niedergang der Familienbetriebe und dem Aufstieg von Discount-Bestatterketten. Wieder andere meinen, die zunehmende Vereinsamung und die nachlassende Gottesfurcht hätten dazu geführt, dass sich die Zahl der anonymen Bestattungen in den letzten zwanzig Jahren mehr als verdoppelt haben, und bei anonymen Bestattungen, da gibt man sich einfach nicht mehr gleich viel Mühe. Item: Die Krankenkassen haben früher wenigstens 500 Euro für Beerdigungen gezahlt. Jetzt müssen die Verwandten selbst aufkommen. Und dann steht natürlich schnell die Frage im Raum: Wie teuer?

Seither herrscht Preiskrieg und Kampf um jede Leiche. In Berlin buhlen über 200 Bestatter um nur gerade 80 Tote täglich. Weniger als 500 Euro für ein Begräbnis versprechen die Discounter zur Zeit, wobei «Sargdiscount» den billigsten stets um 30 Euro unterbieten will. Natürlich ist das wie beim Billigflieger. Kaum hat man zugeschlagen, schlagen sie drauf: Flughafengebühren, Gepäckzulage, Kaffee im Flieger. Beim Discount-Bestatter läuft es nicht anders: Friedhofsgebühren, Hygienebeutel, wenn der Verstorbene schon lange lag, oder auch nur Blumen auf dem Sarg.

Die entführte Leiche

Aber mit dem Tiefpreis allein gewinnt man keine Kunden. Man muss sich ihnen auch auf anderen Wegen nähern. Und da passierte dann die Sache mit der entführten Leiche, wo sogar im Protokoll für das Gericht stand: «von einem Bestatter gekidnappt».

Was ist passiert? Gestorben wird heute in den allermeisten Fällen im Krankenhaus oder im Pflegeheim. Deshalb haben die Bestatter ihre Filialen möglichst nah an den entsprechenden Häusern. Beim Klinikum Westend etwa ist die Ahorn AG – Tochterunternehmen einer Lebensversicherung – mit ihren über 200 Filialen in ganz Deutschland und dem Online-Ableger «Volksbestattung». Daneben haben sich besagter «Sargdiscount» sowie «Global Bestattungen» und noch zwei weitere in Position gebracht. Bei den anderen Spitälern der Stadt sieht es nicht viel anders aus.

Aber auch Top-Lage und Top-Preise bringen nicht automatisch Kunden. Und sich den Angehörigen aufdrängen darf man als Bestatter nicht. Deshalb ist guter Kontakt zum Pflegepersonal oder gar zur Klinikleitung zumindest kein Nachteil. Da wird schon mal gemunkelt, dem Verwaltungschef eines Pflegeheims sei ein Mercedes geschenkt worden. Oder da wird berichtet, eine Bestattungskette bilde das Personal von Seniorenresidenzen weiter und mache auch das «Kühlmanagement» derer Verstorbenen, um so an Kundendaten zu kommen. Auch die Kliniken lagern immer mehr Dienstleistungen an Sub-Unternehmen aus, etwa den Transport von Verstorbenen zwischen Krankenhaus und Pathologie. Auf diesen verschlungenen Wegen in diesem unerbittlichen Wettbewerb kam dann auch die Leiche einer Frau zu einem Bestatter, der kurzerhand die Enkeltocher anrief und frech nach «Urne oder Sarg?» fragte. Funktioniert vielleicht normalerweise ganz gut. In diesem Fall aber legte die Enkelin auf und rief den Bestatter ihres Vertrauens an. Und der zog dann gegen den Konkurrenten vor Gericht, Gerechtigkeit erkämpfen. Wegen Leichenkidnapping.

Die gestohlenen Särge

Und dann ist wieder etwas passiert. Draussen in Hoppegarten, wo auch die Pferderennbahn ist, haben sie einem Leichenspediteur den Transporter gestohlen. Von aussen sah der natürlich nicht wie ein Leichenwagen aus. Weiss war der Wagen und er hatte hinten weder Fenster noch Vorhänge. Auch eine Aufschrift fehlte, denn mit dem Wagen fuhr ein Sub-Unternehmer für diverse Berliner Bestatter. So arbeiten in der Branche heute fast alle: Jeder lagert an den anderen aus. Der eine desinfiziert, der andere frisiert, der dritte transportiert. Der Bestatter koordiniert nur noch. Und weil die privaten Krematorien im Berliner Umland – Tschechien zählt mit dazu – billiger und angeblich auch kundenfreundlicher sind als die staatlichen in Berlin, werden die Verstorbenen auf lange Reisen geschickt. Item: In dem Transporter waren zwölf Särge mit zwölf Leichen.

Natürlich sofort Grossfahandung. Der Vollständigkeit halber auch in Polen, denn man hat ja bei Autodiebstählen in der Region immer so einen Verdacht. Für die Angehörigen war das natürlich Stress sondergleichen. Man weiss ja nicht, was jetzt kommt, wenn auch Kidnapping als unwahrscheinlich ausgeschlossen wurde.

Nach einer Woche fand die polnische Polizei die Särge in einem Waldgebiet. Und sie fasste die Diebe. Die Männer stritten vor Gericht natürlich ab, dass sie im Voraus von den Leichen wussten. Das Gericht glaubte ihnen so halb. Aber die Berliner Bestatter-Innung hat den Schwarzen Peter dem Fuhrunternehmer zugeschoben. Der stritt zwar gleich ab, dass das Fahrzeug über Nacht auf dem Parkplatz gestanden habe. Der Chauffeur sei nur kurz zum Händewaschen gegangen. In diesem Moment sei der Diebstahl passiert. Die Innung liess dennoch verlautbaren, dass Verstorbene auf direktem Weg überführt und unbeaufsichtigtes Abstellen eines beladenen Bestattungsfahrzeuges vermieden werden sollte. Ausserdem solle man nicht zwölf Leichen aufs Mal transportieren. Vier sei Obergrenze. Der Bestatter-Innung kam das natürlich nicht ungelegen, dass es einen erwischt hat, der wegen Preisvorteil solche Gruppentransporte arrangiert.

Die Urnen im Büro

Und dann ist wieder etwas passiert. Nun muss man wissen: In Deutschland herrscht Bestattungszwang und Friedhofspflicht. Anders als in allen anderen europäischen Ländern ist es hier verboten, die Asche im Wald zu verstreuen oder die Urne zu Hause über dem Kamin aufzustellen (auch wenn es am Ende niemand kontrolliert). Das Gesetz kommt noch aus der Nazi-Zeit, aber jeder Versuch, es abzuschaffen, ist bislang mit Hinweis auf die Pietät gescheitert, als ob der Rest Europas pietätlos wäre. Am Friedhof verdienen die Gemeinden natürlich sehr gut mit.

Die billigen in der Branche bringen die Asche also einfach in die Schweiz, nach Holland oder auf die Hohe See und verstreuen sie anonym. Aber auch diese Fahrt ist mit gewissen Kosten verbunden. Und so kommt es ab und an vor, dass ein Bestatter die Urnen kurzerhand in seinem Büro stapelt. Gerade ist wieder einer in Berlin damit aufgeflogen. Er sitzt jetzt im Gefängnis. Die Klage gegen den angeblichen Leichenentführer haben sie hingegen fallen lassen müssen. Es liess sich nicht stichhaltig beweisen, dass bei den Schiebereien zwischen Krankenbett und Kühlkammer etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Oder zumindest nicht mit grob unrechten. Aber die Grenzen sind da ja fliessend.

Und jetzt ist also wieder der Kalender mit den nackten Frauen erschienen, die sich auf den Särgen eines polnischen Herstellers räkeln. Da denkt man in Berlin nur noch: Eine verhältnismässig pietätvolle Form der Kundenwerbung.

Erschienen in der NZZ am Sonntag. 

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