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Wo sich (angeblich) die schönsten der Schönen verstecken

1. Mai 2016

herrfischer

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«Was wissen wir nach zwei Jahrzehnten digitaler Beziehungsanbahnung? Wen suchen die Millionen? Werden sie glücklich mit denen, die sie im Netz finden?», wollte diese Woche Zeit Online wissen.

Interessante Fragen!

Deshalb sprach Zeit Online mit einem «führenden Experten» zum Thema Online-Dating: Arne Kahlke, einstiger Chef von Parship und Gründer von Elitepartner.

Nun finde ich die Idee ja durchaus charmant, den Gründer eines Datingportals in Liebesdingen zu befragen (auch wenn er vielleicht eher Experte für Digitalabo-Verkauf ist). Dass das Interview ein bisschen nach hausinterner PR riecht: geschenkt. Es wird ja am Ende darauf hingewiesen, dass Zeit Online mit Parship ein wenig verpartnert ist:

«Die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck, die auch an der ZEIT und an ZEIT ONLINE beteiligt ist, war über ihre Tochter Holtzbrinck Digital bis zum Verkauf an Oakley Capital Mehrheitsgesellschafterin von Parship. Mit einer Minderheit war in den ersten Jahren auch der ZEIT-Verlag an Parship beteiligt. Arne Kahlke besitzt heute keine Anteile an Elitepartner oder Parship mehr. Bis heute existiert eine Werbe-Einbindung von Parship bei ZEIT ONLINE.»

Doch was dann an (voodoo)wissenschaftlich verpacktem Productplacement folgt, hat schon Chuzpe. Man will fast sagen: Hut ab!

Vorab kurz zum ökonomischen Kontext: Kostenpflichtige Singlebörsen wie Parship geraten derzeit von kostenlosen Dating-Apps wie Tinder unter Druck, die vor allem bei Jüngeren beliebt sind. Und das nicht etwa, weil die Jugend am verrohen ist und von der Hose bis zur Partnersuche heutzutage alles casual sein muss. Anbieter wie Tinder haben womöglich einfach einen bequemeren, effizienteren und vor allem billigeren Weg gefunden, passende Leute miteinander zu verbinden.

Aber gut, die Fragen gehen also an einen der (noch) «größten Heiratsvermittler Europas», Arne Kahlke. Von diesem erfahren wir gleich mal, dass das mit der Online-Partnersuche nicht ohne Probleme ist, denn:

«Maximale Freiheit und maximale Optimierung führen nicht zu maximalem Glück.»

Hätten wir das geklärt. Frage ist jetzt natürlich, auf welchen Datingplattformen Freiheit und Optimierung im richtigen Verhältnis stehen für das Glück. Kahlke (hier natürlich nicht als Unternehmer, sondern als Experte unterwegs) deutet zumindest schon mal an, auf welchen das Glück eher nicht zu finden ist:

«Einige Menschen kehren immer wieder auf die Onlineplattformen zurück, sie kommen nie zur Ruhe. Das geschieht besonders häufig bei Angeboten, die sehr detaillierte Wahlmöglichkeiten bieten.»

Die Zahlen würde ich gerne sehen, dass Angebote mit «detaillierten Wahlmöglichkeiten» eine markant höhere Rückkehrerquote haben. Und ob das dann an den Plattformen oder an den Personen liegt. Skeptisch ist Kahlke ausserdem bei Plattformen mit dem umgekehrten Konzept:

«Das andere Extrem sind Dienste, die nur noch nach dem Foto filtern: „Heiß oder nicht?“ Und das soll dann mein Lebenspartner werden?»

Warum nicht? Ich kann mir vorstellen, dass ziemlich viele gute Beziehungen mit genau der (Tinder-)Frage «Heiß oder nicht?» begannen. Aber gut. Hören wir, was der Experte weiter im Tonfall eines Beziehungspsychologen zu erzählen weiss:

«Wir sollten bei den meisten Zahlenkriterien locker lassen, selbst bei Alter, Größe und Gewicht. Es ist viel wichtiger, dass man eine ähnliche Einstellung hat und aus einem ähnlichen sozialen Umfeld mit ähnlichen Grundwerten kommt.

Die Persönlichkeitstests, die bei manchen Angeboten der eigentlichen Vermittlung vorausgehen, zeigen zudem, dass die Menschen ein verschobenes Bild von sich haben. Viele meinen, sie seien ganz anders, als die Tests ergeben.»

Nun ja, Diskrepanzen zwischen Selbsteinschätzung und Testergebnis können natürlich auch daher kommen (nur mal so theoretisch), dass diese Persönlichkeitstests, die gewisse Plattformen ihren Mitgliedern für stolze Preise aufnötigen, ihrerseits Spuren von psychometrischem Schlangenöl enthalten. Aber wir wollen dem Experten hier einfach mal folgen, dass die Tests wahrer sind als die Selbstwahrnehmung und als Vermittlungsmodus sinnvoller als die «Hot or not»-Frage, und verlassen uns fortan nur noch auf Datingplattformen mit Persönlichkeitstests, so wie… Überraschung: Elitepartner oder Parship!

Spannend wird das Interview dann auf Seite 3, vornehmlich wegen der Grafiken aus dem Buch «Inside Big Data» von Christian Rudder, das gerade in deutscher Übersetzung bei Hanser erschienen ist (irgendwie fragte ich mich an dieser Stelle, warum dieses Interview nicht gleich mit Rudder geführt wurde; ich hoffe einfach mal, dass es nichts damit zu tun hat, dass Rudder Mitgründer des Parship-Konkurrenten OKcupuid war). Schauen wir uns die Grafiken an.

 

Grafik © ZEIT ONLINE – Datenquelle: Christian Rudder, Inside Big Data, Hanser

Da ist zum Beispiel das interessanten Phänomen (links), dass sehr attraktive Frauen (und, in kleinerem Masse, auch Männer) überproportional viele Nachrichten erhalten. Dieser Winner-takes-it-all-Effekt tritt in vielen sozialen Netzwerken auf, ist aber auf Datingportalen ein grosses Problem, weil es ja hier letztlich für jede Person nur eine geben kann (während einen Facebook-Link beliebig viele konsumieren können). Dieses Problem zu lösen gelang beispielsweise Tinder recht elegant: Nachrichten werden erst dann übertragen, wenn beide Interesse aneinander bekundet haben. Die überaus attraktive Person wird nicht überflutet. Sie kriegt noch nicht mal direkt mit, wie begehrt sie ist.

Aber Kahlke weiss natürlich, was die Frauen (und Männer) aus den oberen zehn Prozent der Attraktivitässkala wirklich tun:

«Solche attraktiven Frauen und auch attraktive Männer sind deshalb eher auf Portalen, auf denen es anonymer zugeht, wo man die Bilder erst zu einem späteren Zeitpunkt freischalten kann. So können sie sich verstecken.»

Portale wie – Surprise, Surprise – Parship! Hier lauern sie also, gut versteckt, die attraktivsten der Attraktiven. Gut zu wissen. Wobei mir jetzt noch keine Studie begegnet ist, die die Attraktivität der Mitglieder verschiedener Datingseiten ernsthaft (also vielleicht eher noch nicht mit Deep Learning) vergleicht.

Eine kritische Frage muss sich Kahlke dann aber doch noch stellen lassen: «Suchen manche Menschen auf den ach so konservativen Partnerportalen nicht wieder nur Sex?» Denn klar: da zahlt man 34,90 Euro im Monat, lässt sich psychometrisch vermessen und hat endlich ein Date mit einem dieser versteckten Top-10-Prozenter klar gemacht – und dann will auch dieser nur gut verhüteten Sex. Ist natürlich schlecht. Wäre es da nicht praktisch, wenn es ein System geben würde, das solche Tinder-Männer aussiebt? Man ahnt schon, von welcher Lösung der führende Experte weiss:

«Wenn der Service gebührenpflichtig ist, schützt das, denn es gibt ja so viele Datingangebote, die kostenlos sind – noch mehr aber schützt der sehr aufwändige und damit für viele nervige psychologische Test.»

Macht total Sinn. Männer, die auf Sex aus sind, scheuen ja bekanntlich wirklich jede noch so kleine Investition und Mühe. Niemals würden sie 34,90 Euro für ein Parship-Abo ein Nachtessen ausgeben, nur weil sie sich dadurch eine etwas grössere Chance erhoffen, mit einer Frau im Bett zu landen. Niemals. Und an einer Club-Bar geht es ja auch deutlich schneller zur Sache als die paar Minuten, die man für diese Persönlichkeitstests braucht. Nicht.

 

Fun Fact: «Bis heute konnte keine Online-Dating-Seite den Erfolg ihres Algorithmus auf eine Weise demonstrieren, die es einem unabhängigen Skeptiker ermöglichen würde, die Arbeit zu überprüfen», schreibt der Autor Patrick Tucker in seinem Buch «The Naked Future». Das war 2015. Vielleicht ist der Beleg mittlerweile erbracht. Falls ja, setzt mich gerne cc. Eine amüsante (und wirklich nicht ernst gemeinte) App vermittelt Singles in der Zwischenzeit allein anhand ihrer Burrito-Vorlieben.

Offenlegung: Ich bin weder praktischer noch theoretischer Experte zum Thema Online-Dating. Ich hatte nur ab und zu, u.a. für Neon, über Singlebörsen und ihre Algorithmen geschrieben.

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