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10 Tage, 10 Franken

In zehn Tage mit zehn Franken durch die Schweiz: Ich habe mich auf die „Grand Tour of Switzerland“ gemacht, eine neue Luxus-Auto-Route durch die Schweiz. Allerdings: mit fast ohne Geld.

Es hätten luxuriöse Tage werden können. Ich hätte ein Cabrio gekriegt. Ich wäre Jetboot gefahren. Ich hätte im Tessin „geballte Spitzenkulinarik“ genossen und „glamourös im Zirkuswagen“ übernachtet. So wird nämlich für die „Grand Tour of Switzerland“ geworben, einem neuen Produkt von Schweiz Tourismus speziell für Autofahrer. Eine „Schweizer Route 66“ soll es sein, wenn auch ohne historische Bedeutung. Eine Luxus-Route-66 in einem der teuersten Reiseländer der Welt? Ich war skeptisch. Als ich dann auch noch las, dass ich in einem beheizten Bergsee baden werde, dachte ich: Ach lasst mal. Ich mache eure Tour, aber so, wie man einst wirklich auf der Route 66 reiste: Ohne Geld und ohne Ahnung, was Leben, Land und Leute bringen. Nur mit Rucksack, Schlafsack und zehn Franken für zehn Tage. Und bisschen Sorge, dass das gut geht.

1. Tag: Basel

„Umsonst? Da müssen Sie in den Wald gehen!“, meint die Dame beim Campingplatz im jurassischen Delémont, schweizerisch freundlich, aber bestimmt, so wie eine Jugendrichterin einen Lümmel ins Heim schickt. „Bonne journéeee!“ Ich hatte gefragt, ob ich hier meine Isomatte ausrollen könne, würde dafür auch etwas helfen. Aber sie fand das unfair. Hatte sie recht? Klar. Andererseits: Nett wäre es trotzdem gewesen. Ich wandere also weiter, waldwärts und leicht bedrückt. Mein Magen rumort. Ich hatte heute in der Kulturstadt Basel statt nach Essen nur dekadent nach Gratis-Museen gefragt. An einem Nespresso-Stand am Bahnhof packte ich dann noch – interessiert degustierend – die halbe Keksdose ein. Dann kämpfte ich mich mit Autostopp hierher in den Jura. Ein schmuckes kleines Bauernhaus ist meine letzte Chance vor dem Wald. Ich frage den älteren Herrn, ob ich in seinem Garten übernachten könne. Er kommt auf mich zu, schaut mich an, überlegt keine Sekunde, sagt nur: „Mais oui, aber Sie können auch auf meinem Canapé schlafen.“

2. Tag: Jura

Die Leute seien heutzutage „méchant“ – böse – meinte Monsieur Sutterlet immer wieder besorgt, als wir gestern Abend wie Vater und Sohn bei seinen zwanzig Kaninchen, Gänsen, Pfauen und Windmühlen saßen und ich ihm von meinem Plan erzählte. Ich tat, als glaubte ich ihm nicht, aber glaubte ihm heimlich doch. Monsieur Sutterlet lebt alleine und bescheiden und gab mir sein Gästezimmer. Jetzt, zur Abreise, packt er mir Brötchen und selbstgemachte Roulade ein, Vorrat gegen das Böse. Au revoir und merci, Monsieur Sutterlet! Doch die Menschen im Jura sind nicht méchant, nehmen mich sofort mit, fahren mich durch ihre weite, tiefgrüne Landschaft und ihre historischen Dörfer. Als irgendwann unterwegs zwei Zeugen Jehovas meinen, dass das Paradies bald kommen werde, denke ich: „Schaut aus dem Auto, es ist da!“ Doch der Rausch schlägt schnell um. Als ich abends in Neuchâtel abgesetzt werde, packt mich erstmals die Angst. Dunkle Gewitterwolken hängen über der Stadt. Und ich habe kaum noch zu Essen.

3. Tag: Bern

Der Regen weckt mich frühmorgens, auf das Bootsdeck prasselnd. Was für ein Glück das war. Verzweifelt lief ich gestern durch den Park am See. Man kann Leute nicht einfach fragen, ob man bei ihnen schlafen kann. Aber dann dachte ich: Vielleicht kann man sie fragen, ob sie Couchsurfing machen? Schon bei der dritten Studentengruppe hatte ich Glück: „Kannst auch gerne mit uns grillen!“ Wir plauderten, tranken, besuchten ein Konzert. Perfekter Abend. Am Ende durfte ich auf ihrem kleinen Segelschiff im Hafen übernachten. Klar, ich war ihnen nah, altersmäßig, kulturell. Ich bin selber Schweizer. Ein anderer junger Mann bettelte im Park ganz ähnlich, aber mit weniger Glück. Man sah ihm die Obdachlosigkeit an. Ich kraxle aus dem Schiff, verstoße nun ein wenig gegen die Reiseregeln und treffe in Bern einen Schulfreund. Und auch wenn es einer „Grand Tour of Switzerland“ widerspricht: Wir gehen, da heute Nationalfeiertag ist, zur „No Nation“-Demo. Dass die einzige Parade in der Bundeshauptstadt eine schwarz-vermummte, linksautonome Demo zur Abschaffung der Nation ist, ist aber vielleicht sowieso viel schweizerischer als der ganze Bergbauernkitsch, mit dem die „Grand Swiss Tour“ wirbt.

4. Tag: Interlaken

„Wir laden Sie an der Tankstelle aus“, sagte das unterhaltsame Lehrerpaar heute Morgen im Auto, „dann verdoppeln wir Ihr Budget, und Sie machen ein gutes Picknick!“ Zehn Franken, einfach so. Es fühlte sich an wie ein Lottogewinn. Wie hypnotisiert irrte ich zuerst durch den Shop und dann in die Kirche in Thun, um dort eine Kerze anzuzünden. Warum mir Gott kurz darauf Interlaken antut, weiß ich auch nicht. Es ist ein Schock. Das Dorf ist eine Anhäufung absurder touristischer Produkte, von TellSpielen, deren Geschichte ganz woanders spielt, über einen Mystery-Park des Esoterikers Erich von Däniken bis hin zu diesem Jetboot. Gleitschirmflieger chauffieren pausenlos junge Chinesen und Saudis ins Dorf und stolzieren dann herum, als kämen sie von einem heroischen Kampfeinsatz zurück, nur um für den wackeligen GoPro-Film nochmals 30 Franken zu kassieren. Ich beschließe, am See zu übernachten. Vielleicht ist wenigstens der Sonnenaufgang authentisch.

5. Tag: Brienzersee

Meine Laune ist nicht besser geworden, trotz Sonne überm See. Ich will Interlaken noch etwas klauen, als Rache. Aber was? Ich begebe mich ins „Grand Hotel Victoria-Jungfrau“. Mein Plan ist wenig durchdacht, aber schon entdecke ich bei einem Empfang einen Schokomuffin. Das wird ein großer Tag! Ich strecke meine Hand aus und . . . „Kann ich Ihnen helfen?“, fragt eine Mitarbeiterin. Schon stehe ich wieder vor der Tür, ohne Muffin. Autostoppen dauert diesmal ewig. Dann rettet mich ein Cabrio. Und wie! Herr Locher fährt, hoch über dem Brienzersee, kurvig entlang der Berge, zügig über Felder und durch Dörfer. Ein Paradies. Wobei Herr Locher nur von Katastrophen erzählt. Einer Feuerwerksfabrik, die hier explodierte. Erdrutschen, die drüben alle Häuser mitrissen. Einem Fest, bei dem zwei junge Männer auf den See hinausschwammen. Meine Glückssträhne geht derweil weiter. Auf den Grimselpass, einen der schönsten der Schweiz, fährt mich ein slowakischer Kellner, trainiert, tätowiert, wortkarg – und steckt mir zum Abschied wortlos zehn Franken zu.

6. Tag: Wallis

Der Wind reißt die Flaggen fast vom Mast, peitscht mir Regen ins Gesicht. Ich bin mehr als 2000 Meter über dem Meer und brauche dringend eine Mitfahrt. Gestern war grandios. Werner kam vom Wandern und fuhr mich durchs sonnige Wallis, während ich erzählte. Ich habe nie gebettelt. Ich sage auch nie gleich, dass ich Journalist bin. Ich erzähle nur, was ich mache: Zehn Tage, zehn Franken – und manche wollen meine Geschichte dann womöglich etwas weitertragen. Werner war begeistert. Er mobilisierte das halbe Oberwallis für mich, telefonierte, überlegte. Er arbeitet in der Therme von Brig. „Dort kannst du heute Abend baden gehen, ich zahle das!“ Er organisierte mir auf dem Campingplatz einen Caravan. „Und dann gehst du im Laden einkaufen, ich zahle das dann!“ Diese Reise gleicht dem Hoch, Runter, Hoch bei Passfahrten: Morgens im See waschen, abends in der Therme baden. Jetzt – nach einer Stippvisite am Matterhorn – stehe ich wieder im Regen. Dann nehmen mich zwei junge Tessiner mit, eigentlich entspannt, aber sie machen sich Sorgen um mich. Das Tessin sei anders, abweisender. „Sei vorsichtig, beim Autostopp nahm mich mal die Polizei mit, wieder nach Hause.“ Hoch oben auf einem Hügel über Lugano kann ich bei ihnen schlafen, gerettet vorm Unwetter und, vorerst: den Tessinern.

7. Tag: Tessin

Es ist unerträglich heiß, doch ich muss hier in der Hitze stehen, sonst sieht mich kein Auto. Ich bin nach Lugano gewandert. Aber jetzt hält seit Stunden kein Auto. Alle Tessiner tun gestenreich so, als müssten sie – leider, leider – in eine ganz andere Richtung. Ich probiere neue Orte, aber nichts hält. Ich treffe andere Anhalter: Zwei attraktive junge Frauen. Sie haben den Daumen kaum oben, da bremst schon der erste Tessiner und schwingt großzügig seine Autotür auf. Dann ich wieder: nichts. Muss ich die Reise abbrechen? Meine Mutter anrufen? Dann, ein Auto mit slowenischer Nummer. Eine junge Frau, sie kann den Führerschein noch nicht lange haben, winkt mir zu, als würden wir uns längst kennen. Wäre ich religiös, würde ich sie für einen abgesandten Engel halten. Wäre ich Tessiner, würde ich ihre Beine beschreiben. Aber wir sind Leidensgenossen, wollen beide nur weg hier. Sie zieht nach Zürich. Die Fahrt ist großartig, wie Aspirin nach einem Fieberschub. Wir lästern sofort los. Über stumpfsinnige Touristen: „Ich war auf Safari in der Serengeti, und da sitzt diese Chinesin und macht nichts anderes als Selfies. Selfies! Auf Safari! WTF!“ Über Tessiner: „Ich wurde als Slowenin im Tessin nicht nur gut behandelt. Und dabei war ich nicht jeden zweiten Tag krank wie die!“

8. Tag: St. Moritz

Hoffentlich muss ich niemals Jazz-Musiker werden. Seit Mitternacht sitze ich in der Bar des Fünf-Sterne-Hotels „Kulm“, genieße das kostenlose Konzert und versuche, das Publikum zu ignorieren. Zum Beispiel die beiden Paare: Beide Frauen tragen ein rotes Kleid, beide schauen gelangweilt auf die Bühne, beide Männer nur auf ihre Smartphones, alle gehen frühzeitig. Wie erträgt man das als Musiker? Nach dem Konzert frage ich den Pagen, ob ich irgendwo im „Kulm“ meine Isomatte ausrollen könne. „Das kostet 500 Franken“, meint er. Das finde ich etwas viel für eine Isomatte. Er zeigt mir die Tür. Ich schlendere also durch das Dorf, versuche Zeit totzuschlagen, um dann die Nacht auf einem Bahnhofsbänkli zu verbringen. Die Schaufenster mit den 2000-Franken-Hosen leuchten nur für mich, ausgerechnet mich. Ich verbringe viel Zeit vor ihnen und denke nach. Meine Reise ist fast um. Ich bin versorgt. Die Straße war gut zu mir, sehr gut sogar. Aber was hätte ich erlebt, wenn ich allen Luxus gehabt hätte, den man mir versprach? Würde ich mich besser fühlen? Anders? Die Nacht ist quälend lang. Natürlich schlafe ich nicht. Aber nach Sonnenaufgang, beschliesse ich, will ich ein Interview mit dem Hotelier eines Grandhotels führen, mich ausnahmsweise als Journalist outen, um zum Ender meiner Reise ein wenig über Luxus zu reden.

9. Tag: Grandhotel

Essen war rückblickend kaum ein Problem. Vor Hunger hat man Angst. Aber Essen ist billig, und man kann es aufbewahren. Schlafen war schwieriger. Schlaf ist teuer. Aber der größte Luxus ist wohl, schweigen zu können. Als ich im 1500-Franken-Zimmer des Grandhotel „Kempinski“ aufwache, ist es so ruhig wie noch nie auf meiner Reise. Ich gehe in den Frühstückssaal, werde begrüßt, bedient, umsorgt, so wie ich auch am Abend mit drei mal drei Gängen von drei Kellnern umsorgt wurde. Nichts muss ich sagen. Während meiner ganzen Reise habe ich um mein Leben geredet, meine Geschichte erzählt, damit mich jemand ein bisschen weiter trägt. Meine größte Panik war immer, mal kurz zu verstummen, keine Energie mehr zu haben. Und dann traf ich gestern auf Herrn Dutschmann. Auch er ein Geschichtenerzähler, PR-Mann des Grand Hotels, mit Sinn für Komik. Ich hoffe, er führt irgendwann das „Grand Budapest Hotel“ mit seinen Lackschuhen, den getupften Hosen, der Paisley-Krawatte, die an ihm, trotz seines jungen Alters, so wenig peinlich wirkten wie sein Schwärmen vom „Zauber von St. Moritz“ oder die Freude an meiner Isomatte in der goldenen Lobby. Ich wollte mit seinem Chef über Luxus reden. Aber man kann darüber einfach nicht viel sagen. Und so luden sie mich für eine Nacht lang ein. Opulent, mit allem. Ich war jetzt also mal Cinderella.

10. Tag: Appenzell

Aus meinen zehn Franken wurden in zehn Tagen zwölf. Keine schlechte Rendite, fand auch Yves, der Banker aus Liechtenstein, der mich gestern mitnahm nach Appenzell und mir dann für die Nacht sein Ferienhaus oben auf dem Hügel lieh. Ich hätte mich vom Grandhotel von St. Moritz nach Chur kutschieren lassen können. Aber ich musste zurück auf die Straße, hielt das Schweigen nicht mehr aus. Ich brauchte es wieder, das Warten, das Hoffen und dann der kleine Kick, wenn ein Auto hält. Die Menschen, die ich traf, und die Unterhaltung mit ihnen. Meistens waren es Männer, alleine unterwegs, manche in teuren Autos, manche in Lieferwagen. Selten passten sie perfekt zur Schweiz, meist hatten sie etwas, das sie absonderte, waren Ausländer, sammelten Kunst oder fuhren schon mal mit einem Mini Cooper nach Thailand. Nie war eine Fahrt langweilig. Ihnen allen, die mich ein bisschen mittrugen bei diesem Crowdsurfen, sei tiefster Dank. Jetzt aber besuche ich am Bodensee meine Eltern. Hotel Mama. Luxuriöser geht nicht.

Erschienen 2015 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

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