
Über Flüchtlinge, Autos, Wohlbefinden und Todesgefahren.
Hinweis: Wenn ihr in meinen Zahlenspielereien Rechen- oder Denkfehler findet, weist mich gerne drauf hin. Ich mache diese Blog-Beiträge nur nebenher.
Im Zeit-Magazin las ich letzte Woche die Martenstein-Kolumne (ich höre auch JAM FM). Es ging um «Opferzahlen und Gewissensfragen». Martenstein fragt:
«Würden Sie Ihr Leben opfern, um 20 Flüchtlinge zu retten?»
(Ach so, ja: Martenstein vertritt die Meinung, dass sich durch die Flüchtlingspolitik das Terror-Risiko «maximiert» habe.)
Ich begann zu grübeln: Abgesehen davon, dass solche Rechnungen einem nicht sonderlich weit bringen – wie kommt er auf 1/20? Es gab 2016 über 300 000 neue Asylsuchende. Im selben Jahr kamen in Deutschland 12 Menschen durch einen Terroranschlag (Berlin) ums Leben. Gut, es hätten auch mehr sein können, wenn Ansbach und Würzburg schlimmer ausgegangen wären. Und klar, die Zahl kann stark schwanken. Allein in Paris gab es letztes Jahr 149 Opfer durch islamistischen Terror, der die Flüchtlingsroute nutzte.
Aber gut, fragen wir nochmals neu:
Würden ich mein Leben opfern, um 25000 Flüchtlinge zu retten?
Schwierig. Aber stellt sich mir diese Frage überhaupt? Ich sterbe ja nicht mit Sicherheit. In meinem Fall gestaltet es sich so: Es gibt in Deutschland etwa 9,5 Millionen 30-40jährige (mein Alter). Von ihnen sterben jährlich rund 6400 oder 0,0674%. Unschön. Würde sich die Zahl durch einen Terroranschlag um – sagen wir: 10 – erhöhen, wären es 0,0675%. Auch sehr unschön.
Aber formulieren wir die Frage nochmals neu:
Würde ich mein mein Risiko, im nächsten Jahr zu sterben, von 0,0674% auf 0,0675% erhöhen, um (jetzt sogar wieder) 300 000 Flüchtlinge zu retten?
Darauf kann man natürlich mit «Nein» antworten und Harald Martenstein zustimmen, wenn er meint:
«… keine Regierung der Welt hat das Recht dazu, ihren Bürgern das zuzumuten.»
Die Frage ist dann nur: Warum nimmt sich Harald Martenstein – gebilligt und gefördert von der Regierung – das Recht heraus, mir eine viel grössere Todesgefahr zuzumuten?
Ich wühlte weiter in der «Todesursachen»-Rubrik des Statistischen Bundesamtes. 2016 starben in Deutschland 1891 Männer meiner Altergruppe (30-35). Mit 8,9% eine der häufigen Todesursachen: Verkehrsunfall.
Ingesamt sterben in Deutschland jährlich rund 3500 Menschen im Strassenverkehr. Etwa 900 davon sind Fussgänger oder Radfahrer. Gut, einige selbstverschuldet. Und zugegeben, auch ich sollte meinen Fahrradhelm öfters tragen. Und sicherer fahren (und auf meinen Kreislauf achten).
Dennoch: Die grösste Bedrohung für mein Leben, die direkt von anderen Leuten ausgeht, sind wohl Autos und LKWs.
Und hier geraten Harald Martenstein und ich aneinander.
Ich will Harald Martenstein nicht unterstellen, dass er mit seinem Auto nur durch Berlin fährt, um an einer Kreuzung mal eben schnell rechts abzubiegen, wenn er mich mit meinem Fahrrad im Rückspiegel sieht. Aber sagen wir es so: er nimmt es zumindest ein klein wenig in kauf, mich allenfalls umzubringen.
Warum? Wellness.
«Ich fahre gerne Auto», sagte Harald Martenstein mal in einem Interview. Er wohnt im Graefekiez. Zu seiner Arbeit könnte er mit der S-Bahn. Das wäre weniger gefährlich für mich. Er nimmt trotzdem lieber das Auto. Weshalb?
«Weil mein Auto ein persönlicher Raum ist, den ich gestalte, wie ich das will – natürlich nicht mit nickendem Hund oder umhäkelter Klorolle oder was du jetzt denkst. Es ist wie ein fahrendes Zimmer, in dem ich mich wohl fühle. Eine Kapsel.»
Ich gönne ihm diese Kapsel. Ich will sie ihm nicht verbieten (manchmal gönne ich sie mir auch selbst). Aber sie erhöht mein Risiko, bald zu sterben.
Nun kommen viele Einwände: Nicht alle fahren zum Spass! Nicht in allen LKWs ist nur Ware für Butler’s! In vielen sind Lebensmittel. Und nicht alle könnten, so wie Harald Martenstein, auch mit der Bahn zur Arbeit. Aber wir sprechen von 3500 Toten jedes Jahr, viele davon unschuldig.
Martenstein betont, dass er durchaus dafür sei, Flüchtlinge aufzunehmen, aber dass sie unzureichend kontrolliert würden. Ich frage mich angesichts der Zahlen eher, ob Verkehrsminister Dobrindt genug tut, um mein Leben vor Leuten wie Harald Martenstein zu schützen?
Verkehrstote sind vermeidbar. Schweden hat schon lange mit einer Vielzahl von Massnahmen (Radwege, Brücken, Tempolimit) die Zahl markant reduziert. Auch in Deutschland ist viel passiert. Trotzdem gibt es hier pro einer Million Einwohner über zehn Tote mehr als in Schweden (der EU-Durchschnitt ist 50,5). Deshalb twitterte Marcus Pretzell von der AfD bei der Veröffentlichung der Opferzahlen auch immer umgehend und wutentbrannt: «Es sind Dobrindts Tote!» Deshalb fordern CSU und AfD so vehement eine Obergrenze für Autos und Lastwagen. Und deshalb versprach Horst Seehofer:
Spass. Machen sie natürlich nur bei Terrortoten.
Zurück zu den Opferzahlen und Gewissensfragen.
Sagen wir es so: Die Grünen hätten statistisch deutlich bessere Gründe gehabt, nach den Anschlägen in Berlin und Nizza eine Lastwagenobergrenze zu fordern als die AfD/CSU eine Flüchtlingsobergrenze. Nicht dass ich zu weiteren solchen absurden Zahlenschiebereien anstiften möchte, aber: brauchen die nicht noch ein Wahlkampfthema?
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