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Will Harald Martenstein mich umbringen?

2. Februar 2017

herrfischer

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Über Flüchtlinge, Autos, Wohlbefinden und Todesgefahren.

Hinweis: Wenn ihr in meinen Zahlenspielereien Rechen- oder Denkfehler findet, weist mich gerne drauf hin. Ich mache diese Blog-Beiträge nur nebenher.

 

Im Zeit-Magazin las ich letzte Woche die Martenstein-Kolumne (ich höre auch JAM FM). Es ging um «Opferzahlen und Gewissensfragen». Martenstein fragt:

«Würden Sie Ihr Leben opfern, um 20 Flüchtlinge zu retten?»

(Ach so, ja: Martenstein vertritt die Meinung, dass sich durch die Flüchtlingspolitik das Terror-Risiko «maximiert» habe.)

Ich begann zu grübeln: Abgesehen davon, dass solche Rechnungen einem nicht sonderlich weit bringen – wie kommt er auf 1/20? Es gab 2016 über 300 000 neue Asylsuchende. Im selben Jahr kamen in Deutschland 12 Menschen durch einen Terroranschlag (Berlin) ums Leben. Gut, es hätten auch mehr sein können, wenn Ansbach und Würzburg schlimmer ausgegangen wären. Und klar, die Zahl kann stark schwanken. Allein in Paris gab es letztes Jahr 149 Opfer durch islamistischen Terror, der die Flüchtlingsroute nutzte.

Aber gut, fragen wir nochmals neu:

Würden ich mein Leben opfern, um 25000 Flüchtlinge zu retten?

Schwierig. Aber stellt sich mir diese Frage überhaupt? Ich sterbe ja nicht mit Sicherheit. In meinem Fall gestaltet es sich so: Es gibt in Deutschland etwa 9,5 Millionen 30-40jährige (mein Alter). Von ihnen sterben jährlich rund 6400 oder 0,0674%. Unschön. Würde sich die Zahl durch einen Terroranschlag um – sagen wir: 10 – erhöhen, wären es 0,0675%. Auch sehr unschön.

Aber formulieren wir die Frage nochmals neu:

Würde ich mein mein Risiko, im nächsten Jahr zu sterben, von 0,0674% auf 0,0675% erhöhen, um (jetzt sogar wieder) 300 000 Flüchtlinge zu retten?

Darauf kann man natürlich mit «Nein» antworten und Harald Martenstein zustimmen, wenn er meint:

«… keine Regierung der Welt hat das Recht dazu, ihren Bürgern das zuzumuten.»

Die Frage ist dann nur: Warum nimmt sich Harald Martenstein – gebilligt und gefördert von der Regierung – das Recht heraus, mir eine viel grössere Todesgefahr zuzumuten?

Ich wühlte weiter in der «Todesursachen»-Rubrik des Statistischen Bundesamtes. 2016 starben in Deutschland 1891 Männer meiner Altergruppe (30-35). Mit 8,9% eine der häufigen Todesursachen: Verkehrsunfall.

Ingesamt sterben in Deutschland jährlich rund 3500 Menschen im Strassenverkehr. Etwa 900 davon sind Fussgänger oder Radfahrer. Gut, einige selbstverschuldet. Und zugegeben, auch ich sollte meinen Fahrradhelm öfters tragen. Und sicherer fahren (und auf meinen Kreislauf achten).

Dennoch: Die grösste Bedrohung für mein Leben, die direkt von anderen Leuten ausgeht, sind wohl Autos und LKWs.

Und hier geraten Harald Martenstein und ich aneinander.

Ich will Harald Martenstein nicht unterstellen, dass er mit seinem Auto nur durch Berlin fährt, um an einer Kreuzung mal eben schnell rechts abzubiegen, wenn er mich mit meinem Fahrrad im Rückspiegel sieht. Aber sagen wir es so: er nimmt es zumindest ein klein wenig in kauf, mich allenfalls umzubringen.

Warum? Wellness.

«Ich fahre gerne Auto», sagte Harald Martenstein mal in einem Interview. Er wohnt im Graefekiez. Zu seiner Arbeit könnte er mit der S-Bahn. Das wäre weniger gefährlich für mich. Er nimmt trotzdem lieber das Auto. Weshalb?

«Weil mein Auto ein persönlicher Raum ist, den ich gestalte, wie ich das will – natürlich nicht mit nickendem Hund oder umhäkelter Klorolle oder was du jetzt denkst. Es ist wie ein fahrendes Zimmer, in dem ich mich wohl fühle. Eine Kapsel.»

Ich gönne ihm diese Kapsel. Ich will sie ihm nicht verbieten (manchmal gönne ich sie mir auch selbst). Aber sie erhöht mein Risiko, bald zu sterben.

Nun kommen viele Einwände: Nicht alle fahren zum Spass! Nicht in allen LKWs ist nur Ware für Butler’s! In vielen sind Lebensmittel. Und nicht alle könnten, so wie Harald Martenstein, auch mit der Bahn zur Arbeit. Aber wir sprechen von 3500 Toten jedes Jahr, viele davon unschuldig.

Martenstein betont, dass er durchaus dafür sei, Flüchtlinge aufzunehmen, aber dass sie unzureichend kontrolliert würden. Ich frage mich angesichts der Zahlen eher, ob Verkehrsminister Dobrindt genug tut, um mein Leben vor Leuten wie Harald Martenstein zu schützen?

Verkehrstote sind vermeidbar. Schweden hat schon lange mit einer Vielzahl von Massnahmen (Radwege, Brücken, Tempolimit) die Zahl markant reduziert. Auch in Deutschland ist viel passiert. Trotzdem gibt es hier pro einer Million Einwohner über zehn Tote mehr als in Schweden (der EU-Durchschnitt ist 50,5). Deshalb twitterte Marcus Pretzell von der AfD bei der Veröffentlichung der Opferzahlen auch immer umgehend und wutentbrannt: «Es sind Dobrindts Tote!» Deshalb fordern CSU und AfD so vehement eine Obergrenze für Autos und Lastwagen. Und deshalb versprach Horst Seehofer:

«Wir sind es den Opfern, den Betroffenen und der gesamten Bevölkerung schuldig, dass wir unsere gesamte Verkehrspolitik überdenken…»

Spass. Machen sie natürlich nur bei Terrortoten.

Zurück zu den Opferzahlen und Gewissensfragen.

Sagen wir es so: Die Grünen hätten statistisch deutlich bessere Gründe gehabt, nach den Anschlägen in Berlin und Nizza eine Lastwagenobergrenze zu fordern als die AfD/CSU eine Flüchtlingsobergrenze. Nicht dass ich zu weiteren solchen absurden Zahlenschiebereien anstiften möchte, aber: brauchen die nicht noch ein Wahlkampfthema?

  1. Februar 2, 2017

    Jau. Aber bei deiner zweiten Neuformulierung der Frage ist tatsächlich ein Zahlenfehler drin: Durch die Steigerung seines Todesrisikos von 0,0674 auf 0,0675 Prozent rettest du nämlich nicht nur 25.000 Flüchtlinge, sondern alle 300.000. Juppie!

    (Gut, man könnte auch einwenden, dass die ganze Berechnung Käse ist. Aber das warst ja auch nicht du, der sich den Quatsch ausgedacht hat, sondern H.M.)

  2. Februar 3, 2017

    Oha, stimmt!

  3. TangoZulu #
    Februar 3, 2017

    Schöne Idee, ich habe nur nicht ganz verstanden, was in der fett gedruckten Frage mit „gebilligt und gefördert von der Regierung“ gemeint ist…?

  4. Zacharias Roller #
    Februar 3, 2017

    Ich kann aus der beruflichen Praxis mit Sicherheit sagen, dass die Teilnahme am Straßenverkehr und der Kontakt zu Freunden und Verwandten deutlich (!) gefährlich ist als es fremde böse Wichte je sein können.

    Die Wahrscheinlichkeit, von einem Wildfremden auf der Straße erstochen/erschlagen/erschossen zu werden ist viel geringer als von Selbigem per Automobil zu Tode gebracht zu werden.

    Ebenso passieren nicht nur die meisten Unfälle im Haushalt, sondern auch die meisten Tötungsdelikte. Wenn man jemanden umbringen möchte, brauchen die meisten Menschen dafür einen guten Grund. Den findet man selten bei kurzen Begegnungen, um so eher in längeren Beziehungen und Bekanntschaften. Das nennt sich dann in der Presse meist „Familientragödie“ und findet sich mindestens einmal pro Woche.

    Eine kleine Fußnote noch zu der Eingangsfrage. Ich finde nicht nur die fehlerhafte Rechnung bedenklich, sondern vor allem die Konnotation die mitschwingt. Würde ich mein Leben opfern, um 20 Flüchtlinge zu retten? Da klingt doch schon durch, dass das Retten dieser Gruppe weniger ehrenhaft ist, als, sagen wir, 20 Feuerwehrleute zu retten. Oder auch nur 20 Standardbürger. Würde ich mein Leben opfern, um 20 Zeit-Journalisten zu retten? Wie ist es bei 20 Säuglingen? Und wie bei 20 schwerdementen Greisen? Würde ich überhaupt mein Leben opfern, um irgendwen zu retten? Ganz abgesehen davon, dass es sich ja gar nicht um ein definitives Opfer handelt, sondern nur um die Erhöhung der Wahrscheinlichkeit, Opfer zu werden.

    Ich hoffe, dass ich in einer entsprechenden Situation den Mut aufbringe, mein Leben zu riskieren, um 20 andere Menschen zu retten. Und dann gar nicht darüber nachdenken würde, wen ich da rette und ob er der Rettung würdig ist.

    Der Hysterie um Terror und Kriminalität, Überwachung und Flüchtlingsdebatte kann man am besten mit stumpfen Fakten begegnen. Dann klärt sich schon recht viel ganz von allein. :-)

  5. nils hof #
    Februar 4, 2017

    Diese Zahlenspielereien mögen sich ja ganz nett lesen. Beim Vergleich der Verkehrstoten in Deutschland/Schweden wäre es mal interesant die Verkehrs- oder Bevölkerungsdichte mit zu vergleichen.
    Fazit: Traue nicht jeder Statistik … und denk darüber nach.

  6. Anneliese Schmidt #
    Februar 4, 2017

    Ihr habt bei den Toten durch Verkehr im Allgemeinen die Menschen vergessen, die durch die Schadstoffbelastung zu Schaden/zu Tode kommen… Das sollte die Statistik noch gravierender ändern.. Und Herrn M. des noch leichtfertigeren Inkaufnehmens von Toten/Verletzten überführen.. Nur mal so frei assoziiert..

  7. Hank #
    Februar 6, 2017

    Ach, der Herr Martenstein. Das pfiffige Bürschlein hält jede Idee für genial, ja menschheitsgeschichtlich relevant, die ihm einfällt. Wie schwachsinnig auch ohne Gegenrechnung sein Einfall ist, kann ich in Kürze gar nicht beschreiben und freue mich über die bisherigen Kommentare… Schlimmer Mann.

  8. kleitos #
    Februar 7, 2017

    Aber was ist denn mit den Flüchtllingen, die Auto fahren!!11!!

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