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Wie verbreitet ist Fake News wirklich?

16. Januar 2017

herrfischer

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Wie real ist Fake News? Es ist mal wieder Zeit für eine kleine Datenanalyse im Zeichen der Statistical Correctness.

Fortan wird Facebook in Deutschland mögliche Falschmeldungen durch das gemeinnützige Recherche-Büro Corretiv prüfen und ggf. widerlegen lassen werden. Ich finde das grundsätzlich nicht schlecht, aber …

Lassen wir die amerikanische Fake News-Diskussion kurz ausser acht und ignorieren das Thema russische Propaganda. In Deutschland sollen vor allem beim Thema Flüchtlinge Fake News ein Problem gewesen sein, heisst es.

Nun, die Seite Hoaxmap.org sammelt in viel verdankenswerter Kleinarbeit falsche Gerüchte und Meldungen zum Thema Flüchtlinge. Die Macher erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Und sie sammeln auch nur Meldungen, die sie klar widerlegen können. Trotdzem ist ihr Datensatz ein guter Ausgangspunkt.

450 Meldungen von (grob) 2015 und 2016 sind das. Kling nach sehr viel. Doch man muss schon etwas genauer hinschauen. Ich habe also aus den 450 eine Stichprobe von 50 Meldungen gebildet und kategorisiert in:

a) Falschaussagen: Vor allem Anzeigen bei der Polizei, die sich als falsch entpuppen. Da war etwa der Fall jener 13-jährigen Russlanddeutschen aus Berlin, die von Flüchtlingen vergewaltigt worden sein soll. Der Fall wird schon mal als Beispiel für Fake-News angeführt (was ich für falsch und gefährlich halte).

b) Gerüchte: Meist Geschichten, von denen Journalisten berichten, dass sie in irgend einer Form in ihrem Ort kursieren, ob digital oder analog.

c) Hoaxes: Etwa gefälschfte Behördenbriefe mit absurdem Inhalt, die sich über soziale Medien weiter verbreiten können, aber nicht dort ihren Ursprung haben.

d) Fake Status: Statusmeldungen auf Facebook, die bspw. erzählen, man habe gehört, dass jemand gesagt habe, dass sich im Ort eine Vergewaltigung erreignet habe. Sie kommen allerdings nicht als Nachrichten daher.

e) Fake News: Fabrizierte Geschichten, die wie Nachrichten erzählt sind und auf einer Art Nachrichten-Seite erscheinen. Etwa die Quatsch-Geschichte von Breitbart, Muslime hätten die älteste Kirche Deutschlands in Brand gesetzt.

Schauen wir uns also die Verteilung an:

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Ihr seht, weshalb ich skeptisch bin, wenn von einem Problem mit Fake News die Rede ist. In der 50er-Stichprobe sind vier Fake News-Beiträge. Auf die 450 hochgerechnet macht das 36 – über einen Zeitraum von etwas mehr als zwei Jahren. Von denen wir noch nicht mal wissen, wie stark sie sich verbreitet haben – und mit welcher Wirkung. Zu einem Thema, das Deutschland wie kein zweites beschäftigt und polarisiert (hat).

Schauen wir uns noch genauer an, woher die Gerüchte kommen, die grösste Quelle von falschen Geschichten über Flüchtlinge:

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Sicher, solche Gerüchte sind unschön. Und es die Aufgabe von Journalismus, ihnen nachzugehen und entsprechend darüber zu berichten – auf Facebook oder wo auch immer. Aber hier handelt es sich um Geschichten, die in unterschiedlichsten Formen kursieren, ob Dorfgespräch oder WhatsApp-Chat. Das hat auch, aber eben nur bedingt mit (digitalen) sozialen Netzwerken zu tun.

 

Klar, wenn auf Facebook Persönlichkeitsrechte verletzt werden, muss es schnelle Handlungsmöglichkeiten (und Möglichkeiten zur Gegendarstellung) geben. Und ich bin für alles, was die Qualität von Nachrichten im Netz verbessert. Man macht mit dem Begriff Fake News allerdings für ein relativ kleines Problem ein sehr grosses Fass mit vielen Nebenwirkungen auf:

  • Klassifiziert man auch Berichte über Falschaussagen oder Dorfgespräche als Fake News, kann der Stempel schnell auch auf Berichten seriöser Medien landen, etwa über die (erfundene) Geschichte von einem in Berlin erfrorenen Flüchtling oder dass Bewohner einer ostdeutschen Gemeinde einem suzidalen Flüchtling zugerufen haben sollen, vom Haus zu springen.
  • Die Neutralität der Faktenprüfer wird Diskussionen geben.
  • Die Liste der Artikel mit dem Stempel «Fake News» könnte bald die interessanteste Nachrichten-Rubrik auf Facebook werden.

 

  1. Perry #
    Januar 17, 2017

    Danke. Knapp, klar, gut!

  2. Klotzwasser #
    Januar 17, 2017

    „In der 50er-Stichprobe sind vier Fake News-Beiträge. Auf die 450 hochgerechnet macht das 20“

    Mit Verlaub, auf 450 hochgerechnet macht das doch 36?!

    MfG

  3. Januar 17, 2017

    Ups, sorry, da ging etwas durcheinander. Ist korrigiert!

  4. Januar 18, 2017

    Die Anzahl von Falschmeldungen kommt mir gefühlt doch etwas wenig vor. Aber unabhängig davon: „Fake-News“ ist als Plural zu sehen, deshalb „Wie verbreitet SIND Fake-News wirklich?“!

  5. Januar 18, 2017

    Ne, Fake News als Phänomen ist Singular ;)

  6. Stef #
    Januar 18, 2017

    Danke für Ihre Bemühungen,bitte um Weiterleitung an Maas und BMI. Pragmatischer Beitrag um die entstandene Hysterie aus der Debatte zu bekommen. Ich vermisse noch den Unterpunkt Fake News aufgrund hybrider Kriegsführung Russlands:)

  7. wol #
    März 25, 2017

    Tolle Analyse. Es ist zwar mühsam aber effektiv, Gerüchten auf den Grund zu gehen. Und mit solchen auf Fakten basierenden Inhalten kann man auch etwas anfangen!

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