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Auf ins Gelobte Legoland!

Die  «Maker»-Bewegung will mit Selbstgebautem nicht nur Wohnungen verschönern, sondern gleich den ganzen Industriekapitalismus überwinden. Ob das gut geht? 

Form und Stil eines IKEA-Katalogs: Hatz IV Moebel.com

Form und Stil eines IKEA-Katalogs: Hatz IV Moebel.com

Das Manifest hat Form und Stil eines IKEA-Katalogs. Es ist gelb. Es duzt. Es zeigt Fotos glücklich wohnender Menschen und kindlich gezeichnete Baupläne für Möbel zu unschlagbaren Preisen. Ein Sessel: 24 Euro. Ein Pult: Nur 150.

Aber dann wird das Büchlein «Hartz IV Moebel.com» prophetisch: Eine neue Ära breche womöglich an, die Zeit des Teilens und des Selbermachens, des Glücks und der Gerechtigkeit, verkündet es.

Verfasst hat es der Berliner Architekt Van Bo Le-Mentzel. Vor zwei Jahren hat der 35-jährige Pläne für Möbel ins Internet gestellt, die jeder selbst bauen kann. Freiwillige entwickelten sie weiter. Ein kleiner Hype entstand. Heute ist Le-Mentzel missionarischer Teil einer Bewegung, die gerade von den USA nach Europa überschwappt und die er damals selbst nicht kannte: Den «Makern».

Einst hätte man sie einfach Bastler genannt. Aber Bastler haben heute Internet. Und Ideale. Deshalb verstehen sie sich als Maker – Macher. Sie sagen: Was mit Wikipedia funktioniert hat – tausende vernetzte Freiwillige, die gemeinsam etwas kreieren – funktioniert auch mit Möbeln, Häusern oder Robotern.

Als Kreuzung aus Computer-Nerd und Heimwerker geniessen sie den Ruf einer neuen technischen Avantgarde. Maker lesen im Magazin «MAKE:», wie man aus Benzinautos Elektromobile macht. Oder aus Konfitüre-Gläsern Triebwerke. Sie tauschen Bauanleitungen übers Internet und entwickeln sie weiter. Da ist der Architekt, der die Pläne für sein selbstgebautes Landhaus online stellt. Da ist der Vater, der mit einer Drohne Marke Eigenbau seinen Kindern die Prinzipien des Fliegens erklärt. Da sind die Studenten, die sich über Fussballroboter austauschen.

Dazu passend sind in amerikanischen und europäischen Grossstädten in den letzten Jahren so genannte «FabLabs» entstanden – offene Werkräume mit WLAN und Werkbank, Kreissägen und 3D-Druckern. In der Schweiz wurde das erste in Luzern eröffnet. Weitere sollen folgen.

An Maker-Messen werden die Kreationen schliesslich präsentiert. Es sieht da aus, als hätten die Genfer Erfindermesse, die Art Basel und die Luzerner Fasnacht fusioniert.

Le-Mentzels Möbel wirken in diesem Kosmos zwar wie ein Billy-Gestell in einem Barock-Schloss. Aber er ist über die Massen sympathisch und wurde so zum deutschen Gesicht der Bewegung. Fragt man ihn, warum seine Möbel ausgerechnet heute derart begeistern, meint er: «Ich muss einen Nerv getroffen haben. Die Welt ist kompliziert geworden. Eine Antwort darauf ist das Selbermachen, ob Parteien wie die Piraten oder eben Möbel.»

Das ist der eine Antrieb der Maker-Bewegung, der sehnsüchtige und skeptische, der sich als politisch versteht: Selbermachen zur Selbstermächtigung. Um gefühlt wieder Herr über die Dinge zu werden. Und als Hilfe zur Selbsthilfe. Um jenen ohne Kaufkraft Alternativen jenseits des Marktes zu verschaffen. Und wenn es dabei noch die Sehnsucht nach Handarbeit stillt: Auch gut.

Der zweite ist rein technisch. Die Entwicklung der letzten zwanzig Jahre wird von manchen als zweite industrielle Revolution oder als Demokratisierung der Industrie bezeichnet. Roman Boutellier, Professor für Technologiemanagement an der ETH Zürich, erklärt es so: «Maschinenteile sind massiv viel kleiner, leichter und damit billiger geworden, sodass heute jeder Maschinen wie einen Lego-Bausatz konstruieren kann.»

Beschäftigten sich Studenten in ihren Abschlussarbeit einst mit einem einzelnen Zahnrad, können sie heute ganze Roboter bauen, übers Internet Pläne austauschen und – falls sie in eine kleine Produktion gehen wollen – in China Einzelteile fertigen lassen.

Wie sieht sie also aus, die selbstgemachte Zukunft, das Gelobte Leogland der Maker-Kultur? Wenn Le-Mentzel der Missionar ist, der die Bewegung in die Wohnzimmer trägt, dann ist Marcin Jakubowski ihr Prophet aus der Wüste. Der Princeton-Absolvent entwickelt im Hinterland von Missouri einen Maschinenpark zum Bau eines ganzen Dorfes. «Lebensgrosse Lego» nennen er und sein Team ihre Bagger und Traktoren, die jeder aus handelsüblichen Einzelteilen, aus Eisenprofilen und alten Autoteilen, wie Lego-Fahrzeuge nachbauen kann. Acht mal billiger als Serienmodelle sollen sie sein. Diese «Open Source Ecology» soll nichts weniger als ein dritter Weg nach Sozialismus und Kapitalismus werden.

Andere sehen offene Entwicklung pragmatischer. Ein Hersteller namens «Local Motors» etwa baut in Kalifornien einen Sportwagen unter Einbezug freiwilliger Entwickler im Netz. Nicht idealistisch, aber vielleicht ertragreich.

Ob sich mit all dem tatsächlich Kosten drücken oder gar Gewinne machen lassen: Experten zweifeln und Investoren sind skeptisch. Wikipedia hat zwar den Brockhaus verdrängt. Aber Linux ist insgesamt nie eine billige Alternative zu Windows geworden.

Ein anderes Potential hat die Industrie jedoch erkannt: Die Maker-Bewegung ist ein einzitartiger Talent-Pool. So ist Google Sponsor eines neuen «Maker Camp», eine Art unakademisches «Jugend forscht». IKEA befragte Le-Mentzel schon mal nach der Zukunft des Möbelbaus. Er hofft, dass jede Filiale eine offene Werkstatt für Kunden haben wird.

Otto Normalmaker schlägt sich derweil noch durch den Baumarkt, wenn er die Probe aufs Exempel machen und ein «Hartz IV Möbel» wie den 24-Euro-Sessel bauen will, um dem Aufbruch in die glücklichere und gerechtere Zukunft zu folgen.

Dass die Chinesen heute individuelle Elektronik für wenig Geld fertigen, ist ja schön. Deutsche Baumärkte sind mit dem Zuschnitt von Holz unter 10cm* überfordert. Der Maker in spe muss also einzelne Leisten kaufen. Zwei kosten bereits mehr als ein Sessel von IKEA. Hinzu kommen noch 80cm-Schraubzwingen, sodass an der Kasse aus dem 24-Euro-Chair ein 101-Euro-Sessel wird.

Auch die kindliche Machart der Anleitungen bedeutet nicht, dass, wer schon einmal einen IKEA-Schrank zusammengeschraubt hat, auch ein «Hartz IV Möbel» zustande bringt. Aber nach zwei Tagen Werken und einem zweiten Gang zum Baumarkt steht der Sessel endlich vor seinem Maker: Helle Kiefer, ungeschliffene Kanten, Dübelverbindungen und ein paar Astlöcher als optische Reize. Die Maker-Bewegung, sie kündigte sich in Form und Stil eines IKEA-Katalogs an. Und sie hat sich offensichtlich in Form und Stil eines IKEA-Möbels ins Wohnzimmer geschlichen. Abwarten, ob daraus noch ein barockes Schloss wird.

Erschienen in der «NZZ am Sonntag»

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