
Die Deutschen sind nicht die grössten Trinker der Welt. Aber die kollektivsten. Nirgendwo ist die Gruppe derer, die keinen Alkohol trinkt, so klein wie in Deutschland. Ein paar Zahlen…
Pünktlich zum Beginn des Oktoberfests ist im Magazin der Süddeutschen Zeitung eine grossartige Reportage erschienen. Sie handelt eigentlich von den Wiesnwirten, den Hintermännern der Bierzelte. Nebenbei geht es aber noch um etwas anderes, nämlich unsere Gesellschaft. Deutschland heute.
In der Reportage wagt der Wiesnwirt Ludwig Hagn eine Analyse:
»Vielleicht ist der Erfolg der Wiesn darin begründet, dass wir eine Single-Gesellschaft sind, dass die Familienbildung weiter zurückgefahren worden ist (…) Auf der Wiesn sind sie für ein paar Stunden in einer Gesellschaft, in der alle dasselbe wollen (…)«
Das ist ja eigentlich schon interessant, dass es in einer Gesellschaft ein Etwas gibt, auf das sich alle – wenn auch nur für ein paar Stunden, aber immerhin – einigen können. Und dieses Etwas, das könnte in Deutschland tatsächlich das Bier, bzw. der Alkohol sein. Schauen wir uns ein paar Zahlen an!
(Sie stammen alle von der World Health Organization und haben sich in den letzten Jahrzehnten kaum verändert; Quellenlinks jeweils auf den Grafiken.)
Zunächst: Was trinken die Deutschen? Eine gewisse Tendenz zum Bier ist tatsächlich auszumachen (das Dunkelblaue auf dem Diagramm ist das Bier mit 53% Anteil, etwas heller der Wein mit 27% und hellblau sind die Spirituosen):
Etwas anders sieht es bei unseren französischen Nachbarn aus. Da ist man mehr dem Wein zugetan (62%), aber das dürfte nicht weiter überraschen:
Sind die Deutschen die grössten Trinker auf Erden? Nein. Im Vergleich zu den Nachbarländern und Nationen wie dem Vereinigten Königreich, den Vereinigten Staaten oder Russland sind sie recht durchschnittlich, wie diese Verteilung des Liter-Pro-Kopf-Jahreskonsums (reiner Alkohol) zeigt:

Die Deutschen sind also nicht die grössten Trinker der Welt. Aber sie sind – und da wird es interessant – die kollektivsten. In keinem Land der Welt ist die Gruppe derer, die keinen Alkohol trinkt, so klein wie in Deutschland. Nur gerade 1,7% der Bevölkerung über 15 Jahren hat nie getrunken und nur 2,6% haben in den letzten 12 Monaten nicht mehr getrunken (Frauen und Männer halten sich in Deutschland diesbezüglich die Waage):
Ähnlich tiefe Werte haben sonst nur noch Frankreich und Dänemark. In allen übrigen Ländern sieht es ganz anders aus. Hier zum Beispiel die Niederlande, wo mehr als 11% nie getrunken haben und über 15% nicht mehr trinken:
Ähnliches Bild in der Schweiz:
Oder in Polen:
So oder so ähnlich sieht es in ganz Europa aus. Selbst die angeblich so trinkfreudigen Briten haben einen beachtlichen Anteil an „Teetotallern“ (12,2%), die nie Alkohol getrunken haben:
Noch eindrücklicher ist das Bild bei den Russen:
Und ganz ähnlich bei den US-Amerikanern:
Es scheint also etwas dran zu sein an der These, dass das Bier das ist, worauf sich in Deutschland so gut wie alle einigen können (ob sie alle bereit oder in der Lage sind, für ein Mass fast 10 Euro zu bezahlen, ist eine andere Frage).
Woran es liegt, dass es hierzulande, anders als in fast allen anderen Ländern der Welt, kaum Leute gibt, die gar nicht trinken? Ich hatte schon mit Experten telefoniert, konnte bislang aber keine klare Antwort finden. Ein paar rechtliche Gründe gibt es. In den USA darf man erst ab 21 trinken, in Deutschland schon ab 16, bzw. 18. Aber das allein erklärt nicht die Unterschiede, zumal die rechtliche Lage in den deutschen Nachbarländern ähnlich ist.
Die Frage bleibt vorerst offen.








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